Ärzte Zeitung, 18.11.2004

Borreliose - Ein Chamäleon, das mit Laborwerten schlecht zu fassen ist

Laborärzte brauchen ausführliche Informationen, um Befunde richtig zu interpretieren

DARMSTADT (ner). Die Borreliose- Diagnostik ist ein Indizien-Puzzle. Entgegen einer verbreiteten Meinung gibt es keinen einzigen Labor-Marker für die sichere Diagnose einer aktiven Infektion mit den schraubenförmigen Bakterien.

Ein Borreliose-Bakterium unter dem Mikroskop. Es gibt keinen Labormarker für eine sichere Diagnose.
Foto: Baxter
Typisches Erythema migrans mit Zeckenstich in der Mitte und ringförmig sich ausbreitender Röte bei Borreliose.
Foto: ÄZ

Daran hat Privatdozent Dr. Klaus-Peter Hunfeld von der Universität Frankfurt am Main bei einer Fortbildungsveranstaltung in Darmstadt erinnert. Der Mikrobiologe appellierte daher an seine niedergelassenen Kollegen: "Bitte füllen Sie die Laboranforderungen vollständig aus!" Ohne anamnestische und klinische Angaben könne der Laborarzt aus seinen Untersuchungsergebnissen keinen suffizienten Beitrag zur Borreliose-Diagnostik leisten.

Denn ein Antikörper-Titer allein erklärt unspezifische Symptome nicht. Umgekehrt kann bei einem Erythema migrans der serologische Befund negativ sein. Sehr viele Menschen haben einen positiven serologischen Titer, aber nur fünf Prozent der Infizierten werden symptomatisch. Auch das gleichzeitige Vorliegen eines positiven Titers bei unspezifischen Symptomen bedeutet nicht, daß eine Borreliose besteht. Denn die Antikörper-Titer können nach klinisch oder subklinisch durchgemachter Borreliose jahrelang persistieren.

Das klinische Bild der Erkrankung ist bunt. "Die Lyme-Borreliose hat die Lues als Chamäleon der Medizin abgelöst", konstatierte Hunfeld. Von jenen fünf Prozent der Menschen, die nach dem Stich einer infizierten Zecke klinische Symptome entwickeln, präsentieren sich etwa zwei Drittel mit dem klassischen Erythema migrans, gegebenenfalls auch mit Fieber, Kopfschmerzen oder Arthralgien. Sind Anamnese und Klinik eindeutig, sei eigentlich keine Labordiagnostik nötig, meint der Mikrobiologe, zumal gerade in den ersten Wochen oft keine Antikörper festgestellt werden können.

14 Prozent der Borreliose-Erkrankten entwickeln erst im Stadium II (disseminierte Infektion) Symptome, die sie zum Arzt führen: multiple Erytheme, Lymphozytom, Meningitis und Arthritis kommen vor. Zwei Prozent der Betroffenen haben durchschnittlich sechs Monate nach der Infektion Zeichen der Spätmanifestation wie Akrodermatitis, Polyneuropathie oder chronische Arthritis.

Die Serologie bleibe trotz der Nachteile die labordiagnostische Methode der Wahl, betonte Hunfeld. Die PCR (Polymerasekettenreaktion) sei sehr aufwendig und teuer. Zudem schwankten die Erfolgsraten der Methoden in tägliche Routine extrem. Damit komme die PCR ebenso wie die schwierige Kultivierung der Borrelien aus Hautbiopsien oder aus Liquor nur bei Spezialfällen in Betracht, etwa bei Therapieversagen oder bei unsicheren Befunden zur Differentialdiagnose.

Schließlich warnte der Frankfurter Labormediziner vor einer weiteren fragwürdigen Methode: Die Direktmikroskopie der Borrelien sei Scharlatanerie.

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