Ärzte Zeitung, 30.08.2005

Datenlage überzeugend: Probiotika mildern Infektionen

Symptome von Rotavirus-induzierten Durchfall-Erkrankungen gelindert und Infektionsdauer verkürzt / Vorteil auch bei Atemwegsinfektionen

STUTTGART (ugr). Die Liste der intestinalen und extraintestinalen Erkrankungen, bei denen möglicherweise mit Probiotika erfolgreich behandelt werden kann, ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich länger geworden. Allerdings ist die Studienlage für die einzelnen Erkrankungen sehr unterschiedlich.

Für infektiöse Diarrhöen bei Kleinkindern, für die Remissionserhaltung bei Colitis ulcerosa oder für die Allergieprävention bei Neugeborenen liegen bereits prospektive, kontrollierte Studien mit Probiotika vor. Für viele andere Erkrankungen gibt es nur Fallberichte oder unkontrollierte Studien.

Professor Jürgen Schrezenmeir von der Bundesanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Kiel beurteilt die Datenlage insgesamt jedoch als so überzeugend, daß er zu einer präventiven Einnahme von Probiotika rät: "Es spricht vieles für eine Empfehlung", erklärte Schrezenmeir bei einer Veranstaltung des Instituts Danone für Ernährung in Stuttgart.

Rotavirus-induzierte Durchfall-Erkrankungen treten häufig bei jüngeren Kindern auf. Die Linderung der Symptome und die Verkürzung der akuten Infektion um ein bis eineinhalb Tage sowie die Abnahme der Inzidenz von akuten Infektionen gehören zu den am besten dokumentierten Effekten von Probiotika.

Weitere Effekte sind die geringere Ausscheidung von Rotaviren im Stuhl und eine Erhöhung der Rotavirus-spezifischen Antikörper durch verschiedene Keime wie Lactobacillus rhamnosus GG oder Lactobacillus casei defensis. Auch Antibiotika-assoziierte Diarrhöen nehmen an Schwere und Dauer ab, wenn begleitend Probiotika verabreicht werden.

Bei finnischen Hortkindern, die Lactobacillus rhamnosus GG erhielten, war die Anzahl der Fehltage aufgrund von gastrointestinalen Infekten oder Atemwegsinfektionen während der Winterzeit im Vergleich zu einer Kontrollgruppe um 16 Prozent geringer. 287 französische Hortkinder erhielten über einen Monat täglich herkömmlichen oder probiotischen Joghurt mit Lactobacillus casei defensis.

Der konventionelle Joghurt reduzierte die Dauer der Diarrhöen von 8 auf 5 Tage, der probiotische sogar auf 4,3 Tage. In einer weiteren kontrollierten Multicenter-Studie mit 928 Kindern zwischen 6 und 24 Monaten war die Inzidenz von Durchfall bei Gabe des selben Keims im Vergleich zu konventionellem Joghurt (15,9 versus 22 Prozent) geringer.

Auch bei extraintestinalen Infektionen, etwa der oberen Atemwege, zeigen Probiotika deutliche Effekte. In einer kontrollierten Doppelblindstudie verkürzte die Anwendung eines Keimgemisches aus Lactobacillus gasseri, Bifidobacterium longum und bifidum die Erkältungsdauer um knapp zwei Tage, und die Symptomatik wurde reduziert, besondere auch das Fieber.

"Es gibt inzwischen viele Belege dafür, daß eine regelmäßige Zufuhr von Probiotika sinnvoll ist", so Schrezenmeir. Um den immunmodulierenden Effekt der Mikroorganismen aufrechtzuerhalten, sei jedoch eine dauerhafte Zufuhr unabdingbar. Denn noch ist unklar, wie lange die probiotischen Keime im Darm überleben und welche Dosen für eine eventuelle Kolonisierung nötig sind.

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