Ärzte Zeitung, 11.11.2005

Strategie mit "Rezept auf Vorrat" reduziert Antibiotika-Verbrauch

Kollegen sollten Patienten raten, Rezept erst einzulösen, wenn Symptome zunehmen

BERLIN (gvg). Ärzte greifen bei unkomplizierten Infektionen weiterhin zu rasch zu einem Antibiotikum, oder sie lassen sich von ihren Patienten dazu drängen. Infektionsmediziner empfehlen, es bei kooperativen Patienten mit einem Rezept zu versuchen, das nicht sofort eingelöst wird.

Junge mit einer Bronchitis. Meist ist eine solche Infektionskrankheit viral bedingt. Foto: DAK/Deutsche Atemwegsliga

Im ambulanten Bereich sei in Deutschland mittlerweile von einer Rate von acht bis zehn Prozent Penicillin-resistenten Pneumokokken auszugehen, sagte Professor Hartmut Lode vom Helios Klinikum Emil von Behring.

Aus Anlaß der Vorstellung der Argus-Stiftung, die den verantwortungsbewußten Umgang mit Antibiotika durch Kampagnen, Preise und Fortbildungsaktivitäten fördern will, warnte der Berliner Antibiotika-Experte seine Kollegen erneut vor dem zu raschen Griff zum Antibiotikum.

So werde ein geschätztes Fünftel der Breitband-Antibiotika bei primär viralen Infektionen verschrieben, so Lode in Berlin. Gerade Pädiatern falle der Griff zum Antibiotikum oft zu leicht, wie der Kinderarzt Professor Stefan Zielen aus Frankfurt am Main sagte. Nicht nur der Pseudokrupp und die akute Bronchitis, auch die Nasennebenhöhlenentzündung seien in den meisten Fällen viral, und es müsse nicht antibiotisch therapiert werden.

Nur bei schwerer Symptomatik, bei Empyementwicklung oder bei einem Druckgefühl als Hinweis für ein Empyem plädiert Zielen für die Anwendung eines Antibiotikums. Häufig fühlen sich Ärzte im Alltag vom Patienten oder - bei Kindern - von den Eltern dazu gedrängt, ein Antibiotikum zu verordnen, auch wenn sie nicht davon überzeugt sind, daß es nötig ist.

In einer solchen Situation empfehlen Lode und Zielen bei kooperativen Patienten, die sich und ihren Körper einschätzen können, aber auch bei chronisch kranken Patienten, die häufig Infektionen bekommen, die Strategie eines Antibiotikarezepts auf Vorrat.

Der Arzt stellt dabei ein Rezept für ein Antibiotikum aus und gibt es dem Patienten mit. Gleichzeitig sagt er ihm aber, er solle es erst nehmen, wenn die Beschwerden schlimmer werden oder zumindest innerhalb von einigen Tagen nicht besser.

Untersuchungen hätten ergeben, daß sich die Heilungsrate bei ambulanten Infektionen durch dieses Vorgehen nicht verändere, obwohl etwa 40 Prozent dieser Rezepte von den Patienten nicht eingelöst würden, so Lode. Der Antibiotikaverbrauch wird dadurch in jedem Fall reduziert. Die Gefahr einer Resistenzentwicklung sinkt.

Weitere Informationen im Internet unter: http://www.argus-stiftung.de, Broschüren, Praxisposter und anderes Informationsmaterial zu einer Patienten-Aufklärungskampagne der Stiftung zum verantwortungsbewußten Umgang mit Antibiotika gibt es beim Außendienst des Unternehmens Pfizer, das die Kampagne unterstützt.

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