Ärzte Zeitung, 18.11.2005

KOMMENTAR

Zur SerieAnamnese unter Zeitdruck - dann ist schnell alles verkorkst

Von Siegmund Kalinski

Die Bürokratie raubt Ärzten viel Zeit. Das spüren nicht nur Kollegen, sondern auch Patienten, wenn sie immer wieder schnell aus dem Sprechzimmer hinauskomplimentiert werden. Das fast schon pathologische Mißtrauen der Krankenkassen und Aufsichtsbehörden und die damit verbundenen immer umfangreicheren Kontrolldokumentationen rauben Kollegen Zeit und Nerven.

Wenn man unter Zeitdruck arbeitet, kommt es zu Fehlern. So auch im Fall eines Patienten, der bei seinem Doktor über rezidivierende Kopfschmerzen, allgemeine Schlappheit sowie weitere unklare Symptome klagte, die ihm so zusetzten, daß er um eine Überweisung zum Neurologen bat. Der Kollege entsprach seinem Wunsch, froh, daß er ihm die Zeit nicht raubte.

Der Nervenarzt untersuchte den Patienten, veranlaßte eine Röntgenaufnahme des Kopfs, schrieb ein EEG, verschrieb dann ein Mittel gegen die Cephalgien und überwies ihn weiter an einen HNO-Kollegen.

    Die immer umfangreicheren Dokumentationen rauben Zeit.
   

Auch der verschrieb ein Medikament und wegen "allgemeiner unklarer Beschwerden" überwies er den Patienten an einen Internisten.

Der machte mehrere EKG sowie eine Spirometrie, und als sich da nichts ergab, glaubte er zum Schluß an psychosomatische Beschwerden. Doch auch e Sitzungen beim Psychotherapeuten brachten dem Patienten keine Besserung und so landete wieder bei seinem Doktor.

Diesmal allerdings packte den Kollegen der Ehrgeiz, er nahm sich Zeit und begann mit einer sorgfältigen Anamnese. Und erfuhr, daß der Patient immer wieder Hautausschläge hatte, auch Fieber. Der Patient erinnerte sich, daß er vor Jahren in Kärnten von Zecken gestochen worden war. Jetzt war alles klar. Der Mann hatte nach den Zeckenstichen eine Borreliose mit Erythema (chronica) migrans. Bluttests bestätigten den Verdacht, und mit Tetracyclinen besserte sich der Zustand des Patienten rasch.

Eine sorgfältige Anamnese gleich zu Beginn hätte dem Mann, aber auch den Krankenkassen, einiges erspart. Auch die Fachärzte wären sicher auf die richtige Diagnose gekommen, hätten sie sich nicht so sehr auf die vorgefertigten Anamnesebögen und ihre Routine verlassen.

Doch wenn die Bürokratie den Kollegen die Zeit raubt, die sie eigentlich ihren Patienten widmen sollten, passieren derartige Fehler. Dabei hat schon der alte Doktor Eisenbart gewußt, daß eine genaue Anamnese die halbe Diagnose ist.

Dr. med. habil. Siegmund Kalinski war jahrzehntelang als Allgemeinmediziner in Frankfurt am Main niedergelassen und ist langjähriger Mitarbeiter der "Ärzte Zeitung".

Lesen Sie dazu auch die Serie:
Jeder Fehler zählt! Denn Aus Fehlern kann man lernen

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Neuroprothese lässt Gelähmten wieder zugreifen

Eine Neuroprothese ermöglicht einem Tetraplegiker, mit einer Gabel zu essen. Sein Hirn wird dabei per Kabel mit Muskeln in Arm, Hand und Schulter verbunden. mehr »

Mord und Totschlag in deutschen Kliniken?

Eine umstrittene Studie zu lebensbeendenden Maßnahmen in Kliniken und Pflegeheimen erhitzt die Gemüter. mehr »

Bruch mit dem deutschen Verordnungssystem?

Eine Gesetzesänderung ermöglicht Ärzten seit kurzem, Cannabis zulasten der Kassen zu verschreiben. Der Patient bezieht Cannabis aus der Apotheke. Das neue Rechtskonstrukt sehen viele aber als "Systembruch". mehr »