Ärzte Zeitung, 06.04.2006

HINTERGRUND

Anders als H5N1 können Nipah-Viren auch direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden

Von Philipp Grätzel von Grätz

Bei Tierkrankheiten, die auch für den Menschen gefährlich werden können, wird meist sofort an das Vogelgrippevirus H5N1 gedacht. H5N1 ist aber natürlich nicht das einzige Virus vom Tier, das für Menschen gefährlich werden kann. Ein anderes Virus, das auf Menschen überspringt, und das derzeit Forscher beschäftigt, ist das Nipah-Virus. Anders als bei H5N1 ist für Nipah-Viren auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch nachgewiesen.

Seit 1999 kam es zu insgesamt sechs regionalen Nipah-Ausbrüchen in Malaysia und Bangladesch. Vor allem Bangladesch ist seit 2001 jedes Jahr im Frühjahr erneut betroffen. 102 Infektionen bei Menschen sind in diesem Land seither registriert worden. 76 Menschen starben an einer Enzephalitis. In Malaysia kam es 1998 und 1999 zu Ausbrüchen bei Menschen, die mit Schweinezucht und -handel zu tun hatten. 256 Menschen erkrankten, davon starben etwa 40 Prozent.

Nipah-Viren werden durch Kot und Speichel übertragen

Das Nipah-Virus gehört zur Familie der Paramyxoviren, zu der auch das Masern- und das Mumps-Virus zählen. Sein natürliches Reservoir sind wahrscheinlich südostasiatische Flughunde. Epidemiologisch interessant ist das Nipah-Virus, weil Forscher mittlerweile recht genau wissen, welche Faktoren den Sprung auf Menschen begünstigt haben.

Entscheidend sind offenbar Veränderungen in den Lebensbedingungen der Flughunde, die dazu führten, daß diese Tiere näher an den Menschen herankamen. Das berichtet der Epidemiologe Dr. Jonathan Epstein aus New York (Curr Inf Dis Rep 8, 2006, 59).

Vor allem ausgeprägte Waldrodungen seien relevant: "Der Verlust ihrer natürlichen Nahrungsgrundlage könnte die Flughunde abhängiger von kultivierten Früchten gemacht haben", so Epstein. Tatsächlich wurden Früchte wie die Durianfrucht auf jener Schweinefarm in Malaysia kultiviert, von der der erste Nipah-Ausbruch bei Schweinen und Menschen ausging.

Dort hingen die Äste von verschiedenen früchtetragenden Bäumen sogar direkt über den Schweineställen, in denen Tiere erkrankten. Über Speichelreste oder Ausscheidungen der in Bäumen hausenden Flughunde könnten die Viren zu den Schweinen gelangt sein.

Bei den Ausbrüchen erkrankten Schweine an Infektionen des oberen Respirationstrakts und an Enzephalitis, wobei eine Enzephalitis seltener auftrat als bei Menschen. In Studien erwies sich das Virus für Schweine als hoch kontagiös, jedoch sterben nur ein bis fünf Prozent der Tiere an der Infektion.

Bei vielen Schweinen verläuft die Infektion subklinisch, sie können das Virus jedoch übertragen, meist per Tröpfcheninfektion. Vermutlich wurden die Erreger von den infizierten Schweinen auf diese Weise auch auf Menschen übertragen, die mit den Tieren zu tun hatten.

Etwas komplizierter ist die Lage bei den mittlerweile jährlichen Ausbrüchen in Bangladesch, wo es kaum Schweine gibt. "Der Übertritt zum Menschen geschieht hier wahrscheinlich ohne Zwischenwirt", betont Epstein. "Denkbar ist, daß Menschen kontaminierte Früchte konsumierten und dadurch erkrankten." Mögliche Ursache für die verschiedenen Übertragungswege sind genetische Unterschiede der Nipah-Stämme in Malaysia und Bangladesch.

Unterschiede gab es auch im Krankheitsverlauf: In Malaysia hatten die meisten Patienten Fieber, Kopfschmerzen und zentralnervöse Symptome, aber selten Atemwegsbeschwerden. In Bangladesch hatten einige Patienten zusätzlich auch eine schwere Atemwegserkrankung.

Dies könnte erklären, weshalb das Virus in Bangladesch, nicht aber in Malaysia auch von Mensch zu Mensch übertragen wurde, so Epstein: Sind auch die Atemwege betroffen, kann das Nipah-Virus durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. Bei einem Ausbruch 2004 in Bangladesch kam es zu vier Übertragungszyklen bei Menschen.

Bisher keine Nipah-Antikörper in anderen Fledermausarten

Ist eine Ausbreitung des Nipah-Virus über die südostasiatischen Heimatländer der Flughunde hinaus wahrscheinlich? Denkbar ist der Weg über andere, weiter verbreitete Fledermausarten. "Das könnte tatsächlich möglich sein", sagte Epstein der "Ärzte Zeitung". Wahrscheinlich sei dieses Szenario aber nicht. In den meisten Untersuchungen anderer Fledermausarten seien keine Nipah-Antikörper entdeckt worden.

Bleibt das Flugzeug. Sollte sich ein Nipah-Infizierter auf Reisen begeben, könnte sich die Krankheit in andere Länder ausbreiten, ähnlich wie das Sars-Virus vor einigen Jahren. Erfahrungen aus den Bangladesch-Ausbrüchen lassen Experten bei Nipah von einer Inkubationszeit von ein bis zwei Wochen ausgehen. Bis zum Tod der Betroffenen durch Enzephalitis vergeht dann noch einmal etwa eine Woche - ausreichend Zeit, daß auch infizierte Personen eine längere Flugreise antreten.

Epstein fordert deswegen Maßnahmen, um Nipah zurückzudrängen: Vor allem der Kontakt zwischen Menschen und den Flughunden sollte verringert werden. Das allerdings ist leichter gesagt als getan, denn die Früchte, von denen sich die Flughunde ernähren, gehören zur Lebensgrundlage vieler Menschen in den Ländern Südostasiens. Und die Wälder lassen sich auch nicht von heute auf morgen wieder aufforsten.

Weitere Informationen im Internet: www.cdc.gov und www.who.int, jeweils "Nipah" als Suchbegriff eingeben.

STICHWORT

Nipah-Virus- Erkrankung

Das Nipah-Virus wird von Flughunden in Südostasien übertragen und verursacht bei Menschen eine schwere akute Enzephalitis mit hohem Fieber. Hauptsymptome sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Myoklonien, Areflexie, Tachykardie, psychische Veränderungen und schließlich Bewußtlosigkeit. Bei einem Teil der Patienten kommt eine Atemwegsinfektion hinzu. Derzeit gibt es keine zugelassenen Medikamente oder Impfstoffe gegen das Virus. Durch eine Therapie mit dem Basenanalogon Ribavirin ließ sich die Mortalität bei Nipah-Virus-Enzephalitis in einer Untersuchung jedoch um 36 Prozent senken.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Resistente Keime bedrohen Fortschritte aus Jahrzehnten

Jeder vierte Todesfall durch Antibiotika-resistente Keime weltweit wird durch Tuberkulose (TB) bedingt. Um die Situation zu verbessern, reichen neue Arzneien aber nicht aus, betonen TB-Experten. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »