Ärzte Zeitung, 15.04.2008

HINTERGRUND

"Demenzkranke sind für Ärzte eine Problem-Klientel"

Von Ilse Schlingensiepen

Eine große Gruppe von Patienten stellt Ärzte und Pfleger vor besondere Herausforderungen und läuft Gefahr, nach einem Krankenhausaufenthalt in einer schlechteren Verfassung zu sein als vorher: demenzkranke Patienten.

"Patienten mit einer demenziellen Erkrankung treffen heute in unseren Krankenhäusern eindeutig auf Kompetenzdefizite", sagte Dr. Hans-Jürgen Bosma, Chefarzt der Abteilung für Geriatrie am St. Willibrord-Spital Emmerich-Rees, auf dem 4. Kongress "Qualitätssicherung in ärztlicher Hand - zum Wohle der Patienten" des Instituts für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein in Düsseldorf.

Demenz prägt Abläufe während der Behandlung

Nach Bosmas Angaben leiden zurzeit etwa 15 Prozent aller Patienten in deutschen Allgemeinkrankenhäusern an Hirnleistungsstörungen, deliranten Syndromen oder demenziellen Erkrankungen. Meistens kommen sie mit einer anderen Einweisungsdiagnose in die Kliniken. Darauf stellen sich Ärzte und Pflegepersonal dann auch ein - nicht aber auf die Demenz. "Dabei ist es in der Regel die Demenz, die den Behandlungsverlauf dominiert. Sie kann ganz massiv die Aktivitäten während einer stationären Behandlung der Patienten prägen", sagte er.

Auch die Abrechnung nach diagnosebezogenen Fallpauschalen führe dazu, dass weitere Störungen von Ärzten und Pflegern nicht in den Fokus genommen werden. "Die somatischen Stationen haben weder die personellen noch die finanziellen Ressourcen, um dieser hoch problematischen Gruppe gerecht werden zu können", sagte der Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Reizüberflutung führt zu Desorientierung

Die stationäre Behandlung stelle für viele Demenzkranke eine "schiere Reizüberflutung" dar, die eine weitere Desorientierung provoziere, berichtete er. Die Patienten könnten sowohl sich selbst als auch andere gefährden. "Demenzkranke sind für Ärzte eine wirkliche Problem-Klientel", sagte Bosma. Er skizzierte die besonderen Herausforderungen: die schwierige Anamneseerhebung, die unsichere Symptomeinschätzung und die unberechenbare Compliance. "Kaum eine Patientengruppe bietet so schwere Diagnostik- und Behandlungsbedingungen wie Demenzkranke." Sie seien zudem in Kliniken überdurchschnittlich häufig von nosokomialen Infekten betroffen, stürzten häufiger und litten häufiger unter Exsikose und Wundheilungsstörungen.

Um den besonderen Bedürfnissen der Demenzkranken gerecht werden zu können, sei es wichtig, dass die Krankenhäuser die Kompetenz von Ärzten und Pflegekräften auf Allgemeinstationen gezielt fördern, forderte Bosma. "Es lohnt sich, das Personal in der Geriatrie oder der Gerontopsychiatrie hospitieren zu lassen." Das gelte auch für die Ärzte.

Gute Erfahrungen mit Konsiliardiensten

Gute Erfahrungen machten Kliniken, die mit einem gerontopsychiatrischen Konsiliardienst oder sogar mit einem gerontospsychiatrischen Liaisondienst arbeiten. "Beim Liaisondienst arbeitet man bei jedem Risikopatienten mit einem Gerontopsychiater zusammen", erläuterte er. Grundsätzlich sei es für die Stationen wichtig, bei den Patienten Risikopotenziale frühzeitig zu erkennen und die notwendigen Maßnahmen einzuleiten. Dazu zähle auch die rechtzeitige Sicherung der Patienten, etwa durch eine mechanische Fixierung. "Dabei ist es wichtig, sich gut mit dem zuständigen Amtsgericht zu verständigen", warnte der Psychiater.

Gute Erfahrungen machten Kliniken auch mit dem "Rooming-In" bei Demenzkranken, berichtete Bosma. Leider reichten in vielen Häusern die Bettenkapazitäten nicht aus, um Angehörige bei den Patienten übernachten zu lassen.

Zentrale Bedeutung komme dem Entlassungsmanagement zu, um Versorgungsbrüche zu vermeiden. Das bestätigte Dr. Helge Güldenzoph, Chefarzt der Geriatrie am Malteser-Krankenhaus Bonn/Rhein-Sieg. "Wir haben eine Checkliste entwickelt, die die Abläufe optimieren soll." So müssten die Kliniken darauf achten, dass sie Patienten bei einer Entlassung vor dem Wochenende ausreichend Arzneimittel mitgeben, wenn die Aufnahme in ein Pflegeheim erst am Wochenanfang möglich ist. "Wichtig ist, dass vor der Entlassung mit den Heimen alles geregelt ist und dass der Hausarzt informiert ist", sagte Güldenzoph. Um eine reibungslose Entlassung zu gewährleisten, müsse man sich in den Kliniken genügend Zeit für das Gespräch mit den Angehörigen nehmen.

FAZIT

Viele Allgemeinkliniken sind auf die Behandlung demenzkranker Patienten nicht eingestellt. Diagnostik, Therapie und Pflege konzentrieren sich dort meist auf Patienten mit akuten somatischen Beschwerden. Die Unterbringung in Kliniken mit den für Patienten oft unverständlichen Abläufen überfordert und führt oft zu einer Verschlechterung des Zustands. Der Geriater Dr. Hans-Jürgen Bosma empfiehlt Kliniken, Pfleger und Ärzte auf geriatrischen Stationen hospitieren zu lassen.

[23.04.2008, 10:47:54]
Diplom-Ergotherapeutin Angelika M. Teichmann 
Demenzkranke sind für Ärzte eine Problem-Klientel
Ich bin dankbar, dass die Schwierigkeiten mit dieser Erkrankung so deutlich gemacht werden. Klienten mit Hirnleistungsstörungen werden auch in den Arztpraxen als schwierig angesehen. Hier könnte Ergotherapie mit ihren Fachtherapeuten im Bereich psychisch-funktionelle Behandlung oder bei leichter Demenz, Stadium 1 mit Hirnleistungstraining sehr hilfreich sein. Sie entlastet nicht nur die Angehörigen, sondern kann symptomorientiert eingesetzt auch die Erkrankung verlangsamen oder sogar stoppen. In Kliniken könnten allgemein auch Ergotherapeuten eingesetzt werden. Auch das Durchgangssyndrom gehört zu den behandlungsbedürftigen Einschränkungen und könnte mit ambulanten Ergotherapeuten gut abgefedert oder sogar aufgefangen werden.

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