Ärzte Zeitung, 22.04.2009

Die Therapie muss zum Patienten passen

Compliance zu fördern, gehört zu den ärztlichen Aufgaben. Einfacher wird es, wenn bei der Therapie auch die Lebensumstände des Patienten berücksichtigt werden. Das heißt, kulturelle, häusliche, Ernährungs-, Berufs- und Freizeitaspekte einzubeziehen.

Von Ursula Armstrong

Die Therapie muss zum Patienten passen

Damit eine Therapie angenommen wird, sollte sie sich auch am Tag-Nacht-Rhythmus des Patienten orientieren.

Foto: 12foto.de©www.fotolia.de

Non-Compliance ist teuer. Pro Jahr fallen durch mangelnde Therapietreue in Deutschland Kosten von zehn bis 15 Milliarden Euro an, wie jetzt die Deutsche Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung (DGbG) errechnet hat (wir berichteten).

Hier sind vor allem die Hausärzte gefordert. Ein unsachgemäßer Umgang von Patienten mit Arzneimitteln sei zwar niemals ganz zu verhindern. Dennoch bestehen hier laut Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen "erhebliche Rationalisierungsreserven".

Diese Reserven zu mobilisieren, erfordere ein (haus-)ärztliches Umdenken. Bereits in seinem Gutachten 2005 schrieb der Sachverständigenrat: "Die Nachhaltigkeit einer Pharmakotherapie und das damit verbundene Erreichen von Compliance und Persistance müssen als ärztliche Leistungen angesehen werden." Entscheidend bei der Verordnung eines Arzneimittels sei, sie auf den individuellen Patienten und seine besonderen medizinischen und sozialen Bedürfnisse abzustimmen.

Empfehlung sollte sich an Lebensrhythmus orientieren

Das klingt eigentlich selbstverständlich. Aber allzu leicht schleichen sich im Praxis-Alltag Mechanismen ein. Etwa die Empfehlung "dreimal täglich eine Tablette zum Essen", ohne zu fragen, ob der Patient überhaupt dreimal am Tag eine Mahlzeit zu sich nimmt.

Individuelle oder Lebensstil-Medizin bedeutet, das therapeutische Handeln an den emotionalen, geistigen, sozialen und kulturellen Lebensbedingungen des Patienten anzupassen. Hier ist ganz im Sinne des Sachverständigenrats ein Umdenken gefordert. Meist ist üblich, nach der Diagnostik die für die jeweilige Krankheit beste Therapie zu verordnen. Wer auf individuelle Medizin setzt, passt die Therapie an den jeweiligen Patienten an. Das bringt nicht nur eine bessere Compliance, sondern auch eine gute Arzt-Patienten-Beziehung. Denn Patienten, die sich in ihrer Gesamtheit gesehen fühlen, übernehmen in der Regel auch Verantwortung für die Therapie.

Ein Fragebogen alleine reicht nicht

Viele Praxen lassen die Patienten Fragebögen ausfüllen, in denen nicht nur nach Vorerkrankungen und Allergien, sondern auch nach Alkohol, Rauchen und Schlafgewohnheiten gefragt wird. Das ist ein Schritt in Richtung personalisierte Medizin. Doch für eine wirklich individuelle Medizin sind mehr Informationen über den Patienten nötig:

  • Therapeutische Präferenzen und Werthaltungen: Gibt es medizinische Verfahren, die für einen Patienten tabu sind? Zieht er gewisse Darreichungsformen vor? Lehnt er andere ab? Besteht ein großes Interesse an Naturheilverfahren?
  • Religiöser oder kultureller Hintergrund: Ergeben sich daraus Einschränkungen für die Behandlung -etwa im Fastenmonat Ramadan?
  • Häusliches Umfeld: Lebt der Patient allein? Dann kann man ihm möglicherweise keine Therapie empfehlen, für die er fremde Hilfe braucht. Kümmert er sich um Kinder oder alte Verwandte?
  • Ernährungsgewohnheiten: Wie viele Mahlzeiten nimmt er täglich ein und wann? Isst er gerne Süßes oder Fetthaltiges? Isst er unter Stress eher mehr oder eher weniger? Wie viel trinkt er am Tag und was? Ernährungsempfehlungen bringen nur auf Dauer etwas, wenn man bei bestehenden Gewohnheiten ansetzt - egal, wie richtig oder falsch sie sind.
  • Berufliche Situation und Freizeitgestaltung: Wie viele Stunden arbeitet er in der Woche? Arbeitet er auch nachts oder an Wochenenden? Schichtarbeitern etwa verordnet man am besten eine Tablette täglich morgens. Ist er beruflich viel mit dem Auto unterwegs oder bedient er Maschinen? Dann kann er einige Medikamente gar nicht nehmen. Hat er Sorgen um seinen Arbeitsplatz? Wer zurzeit unsicher ist, ob der Arbeitsplatz erhalten bleibt, wird vielleicht einige Behandlungen nicht mitmachen, um nicht als krank aufzufallen. Womit verbringt er seine Freizeit? Gerade Hobbies kann man bestens nutzen, denn dafür sind Patienten von vornherein motiviert. Wer mehr Bewegung braucht und gerne tanzt, den sollte man eher zum Tanzkurs als zum Joggen schicken.

Fragebogen zur Lebensstil-Medizin sind zwar zu bekommen. Aber meist sind nicht umfassend genug. Am besten ergänzt man seinen eigenen Praxis-Fragebogen um Fragen zu Lebensbereichen, die für eine individuelle Therapie wichtig sind.

Lesen Sie dazu auch:
Gestresste Patienten müssen ihre Balance wiederfinden

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hypertonie in jungen Jahren erhöht Risiko für den Nachwuchs

Das Alter, in dem sich ein Bluthochdruck manifestiert, beeinflusst nicht nur die persönliche Prognose eines Patienten, sondern wohl auch das Erkrankungsrisiko seiner Kinder. mehr »

Medienanamese künftig Bestandteil der U-Untersuchungen?

Schon bei Babys und Kleinkindern machen sich die Folgen übermäßigen Medienkonsums bemerkbar. Das geht aus der neuen BLIKK-Studie hervor. Pädiater reagieren besorgt. mehr »

Deutsche überschätzen Ebola-Gefahr und unterschätzen Masern

Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen meist große globale Bedrohungen wie Ebola und Zika. Doch Experten haben ganz andere übertragbare Erkrankungen im Visier. mehr »