Ärzte Zeitung online, 08.05.2009

Palliativmediziner wenden sich gegen aktive Sterbehilfe

WIEN (dpa). Aktive Sterbehilfe ist nach Ansicht internationaler Palliativmediziner keine Alternative für die umfassende medizinische Betreuung Todkranker. "Die Vereinigung der Palliativmediziner ist nach wie vor gegen die aktive Sterbehilfe", sagte der Präsident der Europäischen Palliativmedizin-Gesellschaft" (EAPC), Professor Lukas Radbruch, vor dem 11. Jahreskongresses der Vereinigung in Wien.

"Die meisten Patienten, die nach aktiver Sterbehilfe fragen, wollen dies eigentlich gar nicht", sagte Radbruch vom Universitätsklinikum Aachen. "Ihre Fragen sind meist ein Hilferuf mit dem Hintergrund ,ich will so nicht mehr leben'". Es sei zu befürchten, dass die Erlaubnis zur aktiven Sterbehilfe "zu einem Dammbruch führt und das medizinisches Töten akzeptabel wird".

   In Österreich, das nach Meinung Radbruchs bei der palliativen Behandlung in Europa führend ist, haben Mediziner bei einer Befragung festgestellt, dass der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe äußerst gering ist, wenn die Betroffenen bis zu ihrem Lebensende betreut werden. Bei der Befragung von 770 Patienten in Wien hätten "nur zwei den Wunsch auf Sterbehilfe geäußert", sagte der Wiener Kongressleiter Hans-Georg Kress.

Die ärztliche Versorgung todkranker Menschen ist in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich. "Es gibt einige Länder, in denen die palliative Betreuung sehr gut ist, und andere, in denen Patienten Schwierigkeiten haben, Ärzte zu finden, die ihnen Erleichterung verschaffen", sagte Radbruch.

Nach Meinung von Kress gibt es in der Öffentlichkeit noch zahlreiche Mythen und Vorurteile gegenüber der palliativen Medizin, die es auszuräumen gelte. So seien viele der Meinung, die Betreuung Sterbender gelte nur für Krebspatienten. "Palliativ-Medizin heißt nicht nur Hand halten. Ziel ist es, alle Leiden, auch seelische, zu lindern", sagte Kress.

Um überall in Europa eine ausreichende Versorgung zu ermöglichen, forderte Radbruch eine präzise Formulierung der Aufgaben der Palliativ-Medizin. Deshalb arbeite die EAPC an einem Weißbuch zur Erfassung der Standards und Normen.

Nach Schätzungen deutscher Palliativ-Experten wird in Deutschland ein ambulantes Versorgungsteam für etwa 250 000 Einwohner benötigt. "Die Kosten dafür werden auf rund 600 Millionen Euro geschätzt." Allerdings seien durch den Aufbau eines ambulanten Versorgungssystems auch "massive Einsparungen" möglich, da die Patienten im Endstadium ihres Leidens nicht mehr in Krankenhäuser müssten.

An dem Kongress, der am Donnerstag in Anwesenheit der schwedischen Königin Silvia eröffnet wurde, nehmen bis Sonntag etwa 3000 Experten aus 80 Ländern teil.

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