Ärzte Zeitung online, 20.11.2009

Überleben im All mit Mainzer Notfallkonzept

MAINZ (dpa). Oliver hat ein echtes Problem. Der 42-Jährige ist in der Antarktis-Forschungsstation Concordia umgekippt und hat keinen Puls mehr. Ursache: lebensgefährliches Kammerflimmern, und das an einem der unwirtlichsten Orte der Erde. Hier kommt bei Werten bis minus 84 Grad und heftigen Winden kein Rettungswagen her, die meiste Zeit des Jahres haben nicht mal Flugzeuge eine Chance.

Glücklicherweise helfen Kollegen: Sie sind zwar medizinische Laien, verabreichen aber Herzmassage, Spritze und Elektroschocks - bis Oliver wieder von alleine atmet. "Der Patient hat überlebt", kann Kollege Julian Graf kurz darauf berichten.

In Wirklichkeit ist Oliver kein Mensch, sondern eine lebensgroße Hightech-Puppe, und seine Kollegen sind keine medizinischen Laien, sondern Ärzte und Studenten der Universität Mainz. Was sie mit Oliver im Simulationszentrum der Hochschule am Donnerstagabend vorführen, gehört zu einem in Mainz entwickelten Trainingskonzept, mit dem Nicht-Mediziner für Notfälle ausgebildet werden sollen. Mit dem Konzept nehmen die Mainzer an einem Forschungsprogramm der Europäischen Weltraumorganisation ESA für die reale Concordia-Station teil, die während des arktischen Winters komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Deren Crew sei vielen Extrem-Faktoren ausgesetzt, die denen einer Langzeitmission im All ähnelten, erklärt der Direktor der HNO-Klinik, Professor Wolf Mann. Langfristig sollen die in Concordia gewonnen Erkenntnisse deshalb auch für die Raumfahrt genutzt werden, etwa für eine bemannte Marsmission.

Während des antarktischen Winters leben in der französisch-italienischen Concordia-Station etwa 14 von sonst 50 Mitarbeitern und halten sie am Laufen. Zwei von ihnen waren bereits für eine zweitägige Schulung in Mainz, vier kommen noch. "Insgesamt soll die Besatzung nach diesem Ausbildungswochenende in der Lage sein, bestimmte trainierte medizinische Notfälle autonom zu behandeln", erklärt Graf.

Dafür lernen sie im Simulationszentrum an einer Puppe lebensrettende Maßnahmen und den Umgang mit bestimmten Checklisten, etwa für das Vorgehen bei einem Herzstillstand. Die Mainzer haben außerdem Instrumente zusammengestellt, die für Laien leichter zu handhaben sind. So wird zur Sicherung der Atemwege und zur künstlichen Beatmung ein Tubus verwendet, bei dem man nichts falsch machen kann: Er bringt sich nach dem Einführen in den Schlund selbst in die richtige Position.

Doch damit nicht genug: Die Mediziner wollen auch testen, wie schnell die Studienteilnehmer das wertvolle Wissen vergessen und wie man das verhindern kann. Dafür werden sie in zwei Gruppen aufgeteilt. In der Station werden dann während der ab Januar beginnenden Isolationsphase an einer Puppe, die bereits auf dem Weg ist, Tests vorgenommen. "Es werden Notfallszenarien simuliert, die diese Gruppen als Team zu bewältigen haben", sagt Graf. Außerdem müssen sie Multiple-Choice-Fragebögen bearbeiten. Nur eine Gruppe erhält einen Auffrischungskurs. Die Forscher wollen beobachten, wie das Wissen der Gruppen mit der Zeit abnimmt und ob irgendwann - etwa nach drei Monaten - bei einer von ihnen ein Level erreicht ist, bei dem das Überleben des Patienten gefährdet wäre.

"Das wäre zum Beispiel für einen Marsflug interessant", sagt Graf. Dann könne man beispielsweise sagen, dass die Besatzung nach einer bestimmten Zeit eine Auffrischung brauche, "weil ansonsten für den Rückflug, wenn da irgendwas passiert, keine Behandlung mehr möglich wäre". Die ESA wolle wissen, was sie bei einem bemannten Flug investieren müsse, um ein "Grundlevel an Know-How" aufrecht zu erhalten, damit die Mission in Notfällen sicher ablaufe, erklärt der Leitende Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie, Matthias Schäfer. Nach seinen Angaben gab es seit dem Start der bemannten US-Raumfahrt im All 365 US-Notfälle - "wobei die Spannbreite von harmlosen Infektionen bis hin zu Todesfällen, die ja bekannt sind, reicht". Bislang gebe es für die versorgende Medizin in den Raumfahrtorganisationen aber "relativ wenig praktische Erfahrung".

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »