Ärzte Zeitung online, 01.06.2011

Ein halber Liter Wein: Wie ein Faustschlag fürs Gehirn

LISSABON (mut/eb). Eigentlich wäre dazu keine Studie nötig gewesen: Wer aufs Mal einen halben Liter Wein trinkt, fühlt sich ähnlich benebelt wie nach einem Faustschlag. Der "Nebel" lässt sich nun allerdings auch per Bildgebung nachweisen. Dabei stellt sich heraus: Offenbar leiden besonders Thalamus und Frontallappen unter akutem Alkoholeinfluss.

In einer chinesischen Studie hatten Forscher um Dr. Lingmei Kong von der Medizinischen Universität Shantou die Wirkung von Alkohol auf das Gehirn per Bildgebung untersucht, und zwar bei jungen, gesunden Frauen und Männern im Alter zwischen 20 bis 35 Jahren.

Die Freiwilligen wurden nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen aufgeteilt: in eine Placebo-Gruppe, eine Gruppe mit moderater und eine mit hoher Alkoholdosis. Ein Teil der Probanden trank 0,45 Gramm Alkohol pro Kilo Körpergewicht (g/kg KG), das entspricht bei einer 70-kg-Person etwa 350 ml Wein.

Wie zu erwarten, veränderten sich dabei Stimmung und Verhalten der Testpersonen: Sie sprachen schneller, wirkten aufgeregt und litten zum Teil auch unter Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen. Zu beachten ist dabei allerdings, dass viele Asiaten Alkohol weniger gut vertragen als Europäer, weil sie eine andere Alkoholdehydrogenase-Ausstattung haben.

Ein weiterer Teil der Testpersonen bekam eine noch höhere Alkoholdosis: 0,65 g/kg KG, das entspricht etwa einem halben Liter Wein. Hiermit waren die Teilnehmer schon deutlich benebelt und hatten Probleme, ihre Bewegungen zu kontrollieren.

In diesem Zustand wurden die Gehirne per MRT und Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI) analysiert, berichteten die Forscher beim Kongress der Europäischen Neurologen-Gesellschaft (ENS) in Lissabon.

DTI ist eine Anwendung, die auf der Messung der Brownschen Molekularbewegung bei Wassermolekülen beruht. Indem man die Diffusion von isotropischem und anisotropischem Wasser quantifiziert, lassen sich Informationen über die Mikrostruktur des Gehirns gewinnen.

Das Forscherteam konnte damit zeigen, dass Frontallappen und Thalamus bei akutem Alkoholkonsum empfindlicher als andere Gehirnareale reagierten. Interessant ist dies auch deshalb, weil Frontallappen-Schäden mit Regelverstößen, Antriebsstörungen oder Aufmerksamkeits- und Gedächtnisdefiziten einhergehen - Probleme, die man auch von Alkoholisierten kennt.

Ein weiteres Ergebnis: DTI ist in der Lage, Veränderungen im Gehirn nach akutem Alkoholkonsum sichtbar zu machen, die von der konventionellen MRT nicht darstellbar sind.

"Mit konventionellem MRT konnten wir bei keiner der Testpersonen irgendeine Abweichung feststellen, mit DTI hingegen schon", berichtete Dr. Lingmei Kong.

So sanken bestimmte DTI-Parameter im Frontallappen und Thalamus in beiden Verum-Gruppen eine halbe Stunde nach dem Alkoholkonsum. Die Werte waren nach einer halben Stunde am niedrigsten und stiegen anschließend wieder graduell an. Nach vier Stunden waren die Normalwerte wieder hergestellt.

"Schlechte Nachrichten für alle, die sich gerne das eine oder andere Gläschen gönnen - selbst eine kleine Menge Alkohol ist wie ein Faustschlag für das Gehirn. Frontallappen und Thalamus reagieren besonders empfindlich auf die Wirkung von Bier, Wein und anderen alkoholischen Getränken", folgerte Kong.

Zugleich hat er aber ein Trostpflaster parat: Die Wiederherstellung der DTI-Parameter innerhalb von drei bis vier Stunden nach dem Trinken könnte ein Hinweis darauf sein, dass Alkohol die Gehirnfunktionen zwar sofort beeinträchtigt, aber nicht gleich dauerhaft schädigt.

[08.06.2011, 20:06:26]
Dr. Jürgen Schmidt 
Halten wir es mit Goethe
Würde man alle bekannten lebensverkürzenden Risikofaktoren in der Auswirkung auf die Lebenszeit bewerten wollen, käme man vielleicht rechnerisch zu dem Ergebnis, dass am längsten lebt, wer gar nicht erst geboren wird.

Halten wir es mit Goethe, den ein guter Rheingauer Riesling (übrigens meist ein "Winkler Hasensprung", heute keine allererste Lage mehr) doch aufs schönste inspiriert hat. Vermutlich war sein Frontalhirn trotz aller Toxizität dabei erheblich beteiligt. zum Beitrag »
[02.06.2011, 21:35:05]
Dr. Horst Grünwoldt 
Weingeist
Als Freund des alltäglichen Weins zum Abendessen bin ich dem geschätzten Dr. Schätzler so dankbar für seine Aufklärung und Unterscheidung von Chinesen und den uns näher stehenden Franzosen.
Die schädigende Wirkung des Alkohols dürfte wohl vor allem durch hochprozentige Spirituosen bedingt sein, und zwar, wenn die dann auch noch -wie bei Süchtigen- nüchtern auf die nackten Schleimhäute gespült werden (s.a. Speiseröhrenkrebs u.s.f.) und dann als Stoßbehandlung die Blut-Hirn-Schranke passieren. In Frankreich gibt es ja auch das wunderbare gastronomische und häusliche Angebot, daß neben dem Wein immer auch eine Karaffe mit Leitungswasser zum Zwischenspülen beim Essen angeboten wird (aber niemals "Rülpswasser" wie Selters).
Bleiben wir aber bei Goethe: "Das Leben ist viel zu kurz, um zu viel schlechten Wein zu trinken"!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt aus Rostock zum Beitrag »
[02.06.2011, 19:37:39]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
„French Paradoxon“ vs. Chinesische Alkoholstudie
Leider wissen wir nicht, welche Weine welcher Provenienz (von Jahrgängen wollen wir gar nicht erst sprechen) der chinesische Forscher und Kollege Dr. Lingmei Kong mit seiner Arbeitsgruppe verwendet hatte. Alle europäischen und internationalen Weine aus Australien, Südafrika, USA, Chile usw. haben im Mittel 13 % (Volumenprozent) Alkoholgehalt.

Die Formel zur Berechnung des Alkoholgehalts: Menge in ml x Angabe Volumenprozent geteilt durch 100 x 0,8 ist gleich Gramm reiner Alkohol.
Demnach entsprechen 350 ml Wein in der Versuchsgruppe mit moderater Alkoholdosis jedoch 36,4 Gramm Alkohol bei 70 kg Körpergewicht der Versuchsperson (VPN). Und n i c h t nur 31,5 g wie aus den o. g. Angaben zu errechnen. Bei 500 ml Wein als hohe Alkoholdosis hätten die Probanden 0,65 g/kg KG erhalten. Also bei 70 kg Körpergewicht 45,5 g Alkohol. Tatsächlich sind in 500 ml handelsüblichem Wein aber nach der o. g. Formel 52 Gramm reiner Alkohol enthalten.

Nimmt man noch hinzu, dass bei vielen Asiaten der Alkoholabbau in der Leber durch deutlich verringerte Alkoholdehydrogenase verzögert ist und hier eher toxische Alkoholkonzentrationen in beiden Versuchsgruppen zur Anwendung im Vergleich zu Placebo kamen, nehmen sich passager n a c h- w e i s b a r e Gehirnschädigungen nicht besonders verwunderlich aus.

Das "French Paradoxon" mit verringerter kardiovaskulärer Morbidität, Mortalität, Prävalenz und moderatem regelmäßigem Konsum von nicht mehr als 200 bis 250 ml Wein entsprechend 20,8 bis 26,0 Gramm reinem Alkohol als Tagesdosierung ("one or two drinks a day, keeps the doctor away") bleibt wohl auch nach dieser chinesischen Studie bestehen und zugleich bis heute unerklärlich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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