Ärzte Zeitung online, 03.07.2011

Stillen schützt Mütter nicht vor MS-Schüben

FLORENZ (mut). Stillen beugt Multiple-Sklerose-Schüben nicht vor. Frauen mit hoher MS-Aktivität sollten daher möglichst schnell nach der Geburt ihre Medikation wieder aufnehmen.

Stillen schützt Mütter nicht vor MS-Schüben

Stillen - und deshalb auf MS-Medikamente verzichen: Ja oder nein? Neue Daten könnten betroffenen Frauen die Entscheidung erleichtern.

© Gladskikh Tatiana / shutterstock

Forscher aus Florenz kommen zu dieser Schlussfolgerung, nachdem sie knapp über 300 Geburten in einer prospektiven Studie ausgewertet hatten. Dies könnte für manche MS-kranke Frau die Entscheidung erleichtern, ob sie ihr Kind stillen und dabei auf ihre MS-Medikamente verzichten soll, oder ob sie aufs Stillen verzichtet und ihre MS-Therapie rasch nach der Geburt wieder aufnimmt.

Beides zugleich geht nicht, da MS-Medikamente bei stillenden Müttern kontraindiziert sind.

Kleinere Studien hatten zuvor widersprüchliche Hinweise geliefert. In einer Beobachtungsstudie mit 32 MS-Patientinnen war bei Frauen, die im ersten Jahr postpartum stillten und auf ihre MS-Medikation verzichteten, die Schubrate nur halb so hoch wie bei Frauen, die nicht stillten und rasch wieder ihre immunmodulatorische Therapie aufnahmen.

Als eine Arbeitsgruppe um Dr. Annette Langer-Gould aus Stanford die Ergebnisse der Studie vor zwei Jahren auf dem Kongress der US-Neurologengesellschaft AAN vorstellte, machte die Hypothese die Runde, das Stillen möglicherweise sogar besser vor MS-Schüben schützt als die Basistherapie. Als Mechanismus wurde eine erhöhte Gamma-Interferonauschüttung diskutiert.

Andere Beobachtungsstudien konnten die Ergebnisse der Kalifornier jedoch nicht bestätigen, und ein Jahr später verkündete ein Team um Dr. Emilio Portaccio aus Florenz ebenfalls beim AAN-Kongress, dass an der Hypothese vom schützenden Stillen wohl nichts dran ist (wir berichteten). Jetzt wurden die Ergebnisse der italienischen Neurologen auch in der Fachzeitschrift Neurology (2011, 77:145-150) publiziert.

An der Studie hatten 21 MS-Zentren in Italien aus den Jahren 2002 bis 2008 teilgenommen. Die MS-Patientinnen wurden nach der Geburt eines Kindes über mindestens ein Jahr nachbeobachtet.

Von den etwa 300 Frauen hatte ein Drittel ihr Kind durchweg gestillt. Insgesamt war der Krankheitsverlauf vor, während und nach der Schwangerschaft bei Frauen mit und ohne Stillen vergleichbar: In beiden Gruppen sank die MS-Rate während der Schwangerschaft - ein bekanntes Phänomen - und stieg anschließend wieder deutlich an, und zwar kurzfristig über das Niveau, das vor der Schwangerschaft bestand.

Zwar hatten stillende Frauen insgesamt eine deutlich geringere Schubrate als nicht stillende Frauen, dies war allerdings auch schon vor und während der Schwangerschaft der Fall. Die Schlussfolgerung: Nicht Stillen schützt vor Schüben, sondern Frauen mit niedrigerer Schubfrequenz und geringerer Krankheitsaktivität neigen eher dazu, ihr Kind zu stillen.

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