Ärzte Zeitung online, 22.07.2011

Neue MS-Therapie: Wurmeier aus Schweinedärmen

Wurmeier bremsen nach ersten Studienergebnissen möglicherweise Multiple Sklerose. Allerdings wird vor einer Selbsttherapie gewarnt.

Neue MS-Therapie: Wurmeier aus Schweinedärmen

Trichuris trichiura, ein enger Verwandter des Schweinepeitschenwurms unter dem Mikroskop.

© Dr. Mae Melvin / CDC

MÜNCHEN (mut). Seit längerem ist bekannt, dass MS-Patienten mit Parasiteninfektionen weniger Schübe haben und einer geringere Krankheitsaktivität in der Kernspintomografie zeigen.

Nun fanden US-Forscher um Dr. Isaak Fleming in einer Pilotstudie Hinweise darauf, dass eine Therapie mit Eiern des Schweinepeitschenwurms (Trichuris suis) tatsächlich eine MS-Erkrankung bremsen könnte.

Während einer dreimonatigen oralen Therapie mit den Wurmeinern kam es zu einer einer Reduktion von entzündlichen ZNS-Läsionen.

Vor einer Selbsttherapie mit Wurmeiner warnt jedoch das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) in einer Mitteilung. Derzeit seien Wirksamkeit und Risiken der Therapie noch nicht genügend überprüft.

Immunantwort gegen Entzündungsreaktionen

Das immunologische Prinzip der Wurmtherapie beruht darauf, dass die Besiedlung mit Trichuris suis eine veränderte systemische Immunantwort auslöst.

Dabei werden weniger entzündungsfördernde Zytokine freigesetzt, zugleich vermehren sich anti-inflammatorische und regulatorischen T- und B-Zellen, und es werden vermehrt entzündungshemmenden Zytokinen produziert, teilt das KKNMS mit. Im Tierexperimenten ließen sich damit autoimmune Entzundüngen im ZNS vermindern.

Diese Befunde hatten nun die US-Forscher angeregt, die Wurmtherapie in einer Studie an MS-Patienten zu prüfen. Dazu verabreichten sie fünf Patienten mit neu diagnostizierter schubförmiger MS, die noch keine MS-Therapie erhalten hatten, die Eier des Schweinepeitschenwurms in einer Trinklösung.

Zweiwöchentlich ein Glas Eier

Die Patienten erhielten über drei Monate hinweg alle zwei Wochen ein Glas mit 2500 Wurmeier. In dieser Zeit ging die Zahl neuer Gadolinium anreichernder ZNS-Läsionen von im Schnitt 6,6 auf 2,2 zurück.

Zwei Monate nach Ende der Therapie war sie wieder auf knapp 6 angestiegen. Als Nebenwirkungen traten nur leichte Magen-Darm-Beschwerden bei den Patienten auf (Mult Scler. 2011;17:743-54).

"Werden die Ergebnisse durch verblindete, randomisierte Studien bestätigt, ist die Wurmtherapie durchaus eine interessante Option", kommentiert Dr. Ralf Gold vom KKNMS.

Nebenwirkung Organschäden?

Bis dahin müsse man von der Therapie aber abraten. So müssten zunächst Organschäden durch Invasion der Würmer aus dem Darm und eine abgeschwächte oder verstärkte Immunität gegenüber anderen Krankheitserregern ausgeschlossen werden.

Um die Eier zu gewinnen, werden trächtige Würmer aus dem Darm von Schweinen entnommen. Dabei besteht die Gefahr, dass artfremden Erregern mitübertragen werden.

"All dies lässt uns im modernen Industriezeitalter zögern, einen solchen Therapieversuch bei MS mit ruhigem Gewissen zu empfehlen", so Gold.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Resistente Keime bedrohen Fortschritte aus Jahrzehnten

Jeder vierte Todesfall durch Antibiotika-resistente Keime weltweit wird durch Tuberkulose (TB) bedingt. Um die Situation zu verbessern, reichen neue Arzneien aber nicht aus, betonen TB-Experten. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »