Ärzte Zeitung, 16.03.2004

IM GESPRÄCH

"Auf den Schienen lagen Dutzende von Leichen - es war wie im Krieg"

Von Manuel Meyer

Rettungssanitäter bringen einen verwundeten Mann ins Madrider Gregorio Marañón Hospital. Foto: dpa

Halb verbrannte Menschen kriechen aus dem Wrack des Zuges. Überall liegen Leichen, notdürftig mit Zeitungen und Jacken zugedeckt. Verwundete irren blutüberströmt umher. Andere sitzen schwer verletzt auf den Gleisen, umgeben von Körperteilen, stumm vor Schock. "Eine solche Szene kann man nur schwer beschreiben. So etwas habe ich noch nie erlebt, und man kann sich darauf auch nur schwer vorbereiten", erklärt Fernando Gonzalez, Madrider Allgemeinmediziner.

Wie er kamen am vergangenen Donnerstag viele Ärzte aller Fachrichtungen spontan zum Madrider Atocha-Bahnhof, wo einer jener Züge stand, in denen an diesem Morgen zeitgleich insgesamt zehn Bomben explodiert waren. Dabei wurden 1600 Menschen verletzt und 200 getötet (die "Ärzte Zeitung" berichtete).

Die Zahl der freiwilligen Helfer war groß. Sie benutzten Decken, Mäntel und sogar Zugteile als Tragen, um Tote und Verwundete zu bergen. Für viele kam jede Hilfe zu spät. "Es war grausam - wie im Krieg. Dutzende von Leichen lagen auf den Schienen. Manchmal waren es auch nur zerfetzte Körperteile - Arme, Beine", so Gonzalez.

Viele Verletzte nahmen sich ein Taxi und fuhren zu ihrem Arzt

Zusammen mit anderen Rettungsärzten brachte er Verletzte in die nahe gelegene Turnhalle Daoíz y Velarde, die spontan zum Feldlazarette umfunktioniert wurde.

"Viele Anwohner kamen, um den Verletzten zu helfen. Sie brachten Wasser, Erste-Hilfe-Koffer und Decken", erklärt der 45jährige Mediziner. Überall hörte man Schreie. Der Lärm der Krankenwagensirenen war ohrenbetäubend. Viele Menschen weinten, waren verängstigt. Polizisten und Rettungssanitäter luden Verletzte in Polizeiwagen oder Privatautos, um sie in die Krankenhäuser zu fahren. Viele Leichtverletzte suchten sich sogar Taxis, um zum Arzt zu kommen, denn die Krankenwagen konnten die Masse von Verletzten kaum bewältigen.

Die naheliegenden Hospitäler 12 de Octubre und Gregorio Marañón waren im Ausnahmezustand. Doch der Notplan hat funktioniert. Die 750 Ärzte, Krankenschwestern und Techniker des Madrider Rettungsdienstes Summa und die 400 Kollegen von Samur wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz mobilisiert. Personal, das frei hatte, kam sofort zum Dienst. Wer Nachtschicht hatte, machte weiter.

Krisenstab trat schon nach wenigen Minuten zusammen

"In nur wenigen Minuten hatten wir wie vorgesehen den Krisenstab formiert, um die Hilfsaktionen zu koordinieren", erklärt Manuel Lamela, Madrider Stadtrat für Gesundheit. Sämtliches freies Personal wurde mobilisiert. "300 Operationssäle wurden frei gehalten. Alle Operationen, die keine Notfälle waren, wurde verschoben, und in nur wenigen Stunden arbeiteten 70 000 Menschen in 22 Hospitälern und Privatkliniken, 204 Gesundheitszentren und 250 Feldlazaretten", sagt Lamela.

Es kamen auch viele pensionierte Allgemeinmediziner, Psychologen und Medizinstudenten, um ihre Hilfe anzubieten. Im Radio riefen Krankenhaussprecher die Bevölkerung dringend zu Blutspenden auf. Und die Solidarität war überwältigend: "In wenigen Stunden spendeten 4700 Menschen spontan ihr Blut. Wir hätten sogar noch mehr bekommen können. Aber wir hatten genug Vorrat", so der Stadtrat für Gesundheit.

In den Krankenhäusern spielten sich jedoch chaotische Szenen ab:

Verzweifelt sucht ein 56jähriger Mann seine Tochter. Die Krankenschwestern können ihm nicht helfen. Der Wartesaal ist überfüllt, die Krankenwagen kommen kaum zur Notaufnahme durch. Hunderte Familienangehörige und Freunde von Vermißten sind auf der Suche nach den ihrigen.

"Hatte sie irgendwelche Piercings, auffällige Muttermale oder besondere Körpereigenschaften", fragt die Krankenschwester den Mann, der seine Tochter sucht. Viele Patienten sind ohnmächtig. Im Chaos ist es zwecklos, nach Namen zu rufen. Heulend sitzt der 56jährige in einer Ecke und brummelt vor sich hin. "Diese Schweine sollen verrecken. Das sind doch keine Menschen, die so etwas tun."

Wie er haben sich auf dem Rasen vor dem Krankenhaus Hunderte von Menschen versammelt. Sie warten auf eine Krankenschwester, die ihnen sagt: Wir haben ihren Sohn, ihre Tochter, ihren Mann gefunden, und es geht ihm gut.

"Das Schlimmste ist die Ungewißheit: Lebt er noch? Ist er schwer verletzt? Was ist ihm passiert? Das macht die Menschen fertig", erklärt eine Psychologin vom Roten Kreuz. Sie hatte am Donnerstag eigentlich frei. Doch sie wollte nicht zu Hause abwarten. "Ich mußte einfach helfen. Da bin ich wie Dutzende meiner Kollegen zum nächsten Krankenhaus gegangen und habe meine Hilfe angeboten", erklärt die 41jährige Psychologin.

Unterdessen nahmen die etwa 90 Gerichtsmediziner in der Madrider Messehalle bereits die ersten Autopsien vor. 48 Stunden später waren die meisten der 200 Leichen bereits identifiziert.

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