Ärzte Zeitung, 15.06.2004

Bald kommt das vollständig implantierbare Kunstherz

US-Zulassung noch 2004 erwartet / Ein Minikunstherz wird in Deutschland entwickelt

Von Philipp Grätzel von Grätz

Immer mehr Herzkranke, immer weniger Organspender: Das Dilemma der Transplantationsmedizin läßt sich in Zahlen ausdrücken. Zwischen zehntausend- und fünfzehntausend Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Nicht einmal 3500 werden jährlich verpflanzt, und selbst davon kommen nur etwas mehr als 1000 von Spendern aus Deutschland. Unter den 3500 Empfängern von Organen waren etwa im Jahr 2002 knapp 400 Herzpatienten. Der Bedarf wäre etwa fünfmal so hoch gewesen. In anderen Ländern ist die Situation ähnlich.

Kein Wunder also, daß weltweit fieberhaft an Alternativen gearbeitet wird. Mit Hilfe von Assist Devices, also Unterstützungssystemen, wird versucht, das durch eine koronare Herzerkrankung oder eine Kardiomyopathie geschwächte Herz zu entlasten. Hier gibt es verschiedene Systeme.

Eines der erfolgreichsten stammt aus Berlin: Die seit März 2003 in Europa offiziell zugelassene, axiale INCOR-Pumpe des Unternehmens Berlin Heart pumpt Blut, das aus der linken Herzkammer kommt, weiter in die Aorta. Gerade wurde sie dem 100. Patienten implantiert und bietet ihm wie allen anderen Trägern dank Batterien am Gürtel und einem dünnen Kabel ins Körperinnere zehn bis zwölf Stunden Mobilität.

Die Pumpe wird eingesetzt, um die Zeit bis zu einer Transplantation zu überbrücken, kann aber auch dazu beitragen, daß sich ein geschädigtes Herz wieder bis zu einem gewissen Grad regeneriert. Der Rekordhalter unter den INCOR-Patienten trägt die Pumpe, die kontinuierlich arbeitet und deswegen keinen Pulsschlag erzeugt, seit fast zwei Jahren.

Einen ganzen Schritt weiter geht das US-Unternehmen Abiomed mit seinem Austauschherz AbioCor®, dem die amerikanische Zulassungsbehörde FDA im Herbst 2003 den Status eines vorrangig zu behandelnden "Humanitarian Use Device" gegeben hat. Die offizielle Zulassung wird für 2004 erwartet. 13 Patienten wurde das Herz bisher in einer Studie implantiert. Es wäre die weltweit erste Zulassung für ein vollimplantierbares Kunstherz, bei dem auch der komplette Antrieb im Brustkorb verstaut wird.

Herkömmliche Kunstherzen, deren Geschichte zurück reicht bis in die 50er Jahre, benötigen externe Antriebseinheiten, etwa das berühmt gewordene Jarvik 7 oder dessen Nachfolgemodell, das heute vielfach genutzte CardioWest. Der Preis, den die AbioCor®-Hersteller zahlen, ist freilich hoch: Ihr Herz wiegt in der aktuellen Version fast ein Kilogramm. Abgetrennt vom Kabel, das das Kunstherz durch die Haut hindurch mit den Batterien verbindet, schlägt es nur eine halbe Stunde.

Das in Aachen entwickelte Herz wiegt nur ein halbes Kilo

Anders in Aachen, wo gerade an einem ähnlichen Produkt getüftelt wird: "Unser Herz ist kleiner und leichter als das der US-amerikanischen Kollegen", sagt Professor Helmut Reul von der Universität Aachen im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Nur etwas mehr als 500 Gramm bringe das MiniACcor auf die Waage. Das ist zwar immer noch knapp doppelt soviel, wie die Natur für ihre Lösung braucht, aber immerhin.

Anders als die US-Forscher arbeiten die Aachener außerdem mit vom Original abgeschauten Drei-Segel-Klappen aus Polyurethan, um naturnähere Flußbedingungen zu erzeugen. "Besonders ist auch, daß unser MiniACcor teilbar ist", ergänzt Reul. Rechte und linke Herzkammer sowie das Energiemodul, das sich in der Mitte zwischen den Kammern befindet, lassen sich einfach zusammenstecken. "Das erleichtert den chirurgischen Eingriff enorm."

Anders als die US-amerikanischen Forscher mit ihrem AbioCor® haben Reul und seine Kollegen das Aachener Kunstherz bis jetzt freilich nur in Hunde implantiert. Hier konnten über zehn Stunden eine Pumpleistung von acht Litern pro Minute und ein Blutdruck von 140 mmHg systolisch erreicht werden. Langfristig will Reul das auch bei ihm derzeit noch erforderliche Kabel loswerden und die Energieversorgung mit Hilfe von auf die Haut aufgesetzten Spulen sicherstellen.

STICHWORT

Herz-Ersatz

Mehrere Forschergruppen arbeiten im Moment an den ersten, vollimplantierbaren Kunstherzen. Am weitesten fortgeschritten sind die Bemühungen in den USA und in Deutschland. Anders als die meisten Unterstützungssysteme sollen Austauschherzen langfristig eine gleichwertige Alternative zur Organtransplantation sein und nicht nur die Zeit bis zu einer Operation überbrücken.


Weitere Beiträge zur Serie:
"Innovationen in der Medizin"

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