Ärzte Zeitung, 07.10.2004

HINTERGRUND

Mit einem speziellen Organspende-Programm werden ältere Patienten zeitnah mit Nieren versorgt

Von Nicola Siegmund-Schultze

Der Mangel an Organen ist ein Dilemma in der Transplantationsmedizin, und die Bemühungen, Organe nach den Kriterien "Notwendigkeit und Erfolgsaussicht" zuzuteilen, wie es das Gesetz vorschreibt, ähnelt oftmals dem Versuch einer Quadratur des Kreises. Denn es muß auch gerecht zugehen bei der Verteilung: Kein Patient auf der Warteliste darf zum Beispiel wegen seines Alters benachteiligt werden. Allerdings bestätigt sich - trotz Verbesserungen bei der Immunsuppression -, daß sowohl ein höheres Alter des Nierenempfängers als auch des Spenders unabhängige Risikofaktoren für ein verkürztes Transplantatüberleben sind. Trotzdem müssen auch ältere Menschen die Chance bekommen, ein fremdes Organ zu erhalten. Schließlich verlängert sich die Lebenserwartung eines über 65jährigen Dialysepatienten statistisch immerhin noch um vier Jahre, wenn er eine neue Niere erhält.

Die Zahl der Glomeruli sinkt beim Altern

Professor Stefan Loening, Direktor der Klinik für Urologie an der Charité Berlin, und sein Team diskutieren zusammen mit Kollegen aus Hamburg und Hannover die Konsequenzen, die sich aus diesem schwierigen medizinisch-ethischen Beziehungsgeflecht ergeben (Urologe 8 2004, 947). Anders als die Leber, deren Zellen sich erneuern, altern die Nieren: Die Zahl der Glomeruli sinkt beim Altern, und in den größeren Nierenarterien fibrosiert die Intima. Diese strukturellen Veränderungen machen sich in einer stetig abnehmenden glomerulären Filtrationsrate bemerkbar. So haben die Nieren älterer Spender geringere Fähigkeiten, immunologische Reaktionen und andere Schädigungen der Organtransplantation zu kompensieren. Diese "Alters-Regel" gelte zwar für postmortal verpflanzte Organe ebenso wie für die von Lebendspendern, so die Forscher. Allerdings hätten Nieren von Lebendspendern generell eine höhere Qualität als die von Hirntoten, so daß die Nieren älterer Lebendspender mindestens so gut und so lange funktionierten wie die von jungen hirntoten Menschen.

Bei postmortalen Spenden steigt das Risiko für einen Funktionsverlust des Transplantats vor allem jenseits des 60. Lebensjahres des Spenders steil an. Dieses Risiko lasse sich aber durch verkürzte Transportzeiten und damit kürzere Zeiten mit Sauerstoffunterversorgung reduzieren.

Ältere Organempfänger - und zwar 65 Jahre und älter - haben im ersten Jahr nach der Transplantation ein höheres Sterblichkeitsrisiko, als wenn sie auf der Warteliste geblieben wären, erst danach verlängert sich ihr Leben im statistischen Mittel. Ursachen erhöhter Mortalität nach der Operation sind Infektionen und kardiovaskuläre Erkrankungen, so Loening und Kollegen. Deshalb sollten ältere Patienten schon vor Aufnahme auf die Warteliste besonders intensiv kardiopulmonal untersucht werden mit großzügig gestellter Indikation für eine Koronarangiographie, raten die Forscher. Nach der Organverpflanzung sei eine engmaschige Nachsorge notwendig.

Um auch ältere Patienten auf der Warteliste zeitnah zu versorgen, ohne Nieren junger Spender aus dem Pool zu nehmen, gibt es ein Old-for-Old-Programm. Die Kliniken der Autoren haben in den ersten drei Jahren 68 Patienten in das Programm eingebracht, das über EUROTRANSPLANT (ET) organisiert wird. ET ist in sechs europäischen Ländern, darunter Deutschland, für die Verteilung postmortaler Spenderorgane zuständig.

Programm mit Spendern und Empfängern über 65 Jahre

Empfänger und Spender haben bei dem ET-Senior-Programm das 65. Lebensjahr überschritten. Die Spender stammen aus der Region, so daß die Wege zum Empfänger kurz sind. Es wird nach Blutgruppenzugehörigkeit und Wartezeit zugeteilt, die HLA-Antigene bleiben unberücksichtigt.

Eins, zwei und fünf Jahre nach der Operation funktionierten 92, 89 und 77 Prozent der Organe. Allerdings waren die Ergebnisse mit Nieren von über 69jährigen Spendern nach einem, zwei und fünf Jahren mit 90, 84 und 63 Prozent Transplantatüberleben deutlich schlechter als die in der Gruppe mit 65- bis 69jährigen Spendern (96, 96, 96 Prozent). Die postoperative Komplikationsrate war mit 50 Prozent hoch, vor allem durch kardiopulmonale Erkrankungen und Infektionen. Insgesamt profitieren nierenkranke Senioren von dem Old-for-Old-Programm durch eine verlängerte Lebensspanne und höhere Lebensqualität.

FAZIT

Die Nieren älterer Organspender haben geringere Fähigkeiten, immunologische Reaktionen und andere Schädigungen der Organtransplantation zu kompensieren. Bei postmortalen Spenden steigt das Risiko für einen Funktionsverlust des Transplantats vor allem jenseits des 60. Lebensjahres des Spenders steil an. Dieses Risiko läßt sich aber durch verkürzte Transportzeiten und damit kürzere Zeiten mit Sauerstoffmangel reduzieren. So funktionieren bei über 65jährigen fünf Jahre nach der Operation noch 77 Prozent der Organe.

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