Ärzte Zeitung, 25.02.2005

HINTERGRUND

Wegen des Organmangels werden immer mehr Organe auch von intoxikierten Spendern akzeptiert

Organtransplantation: Obligat wird vor der Implantation eines Spenderorgans auf HIV, Hepatitisviren und Zytomegalieviren getestet. Foto: Photodisc

Von Nicola Siegmund-Schultze

Todesursache Drogenkonsum oder andere Vergiftungen: Auch viele Ärzte unter den Zeitungslesern wundern sich, daß das keine Kontraindikationen für eine Organspende sind. Durch eine junge Multiorganspenderin, von der oraler Drogenkonsum bekannt war, sind drei Transplantatempfänger mit dem Tollwutvirus infiziert worden. Die Frau war an Herzrhythmusstörungen gestorben, vermutlich in Folge von Kokain, Speed, Ecstasy.

    Empfänger müssen alle Risiken der Organspende kennen.
   

In der Tat sind die Ärzte bis in die 80er Jahre sehr zurückhaltend gewesen, Konsumenten von Drogen, Alkoholiker oder Menschen mit Medikamentenmißbrauch als Organspender zu akzeptieren. Seit die Diskrepanz zwischen Zahl der Organspender und der Patienten auf der Warteliste seit den 90er Jahren aber fast überall stetig größer wird, werden die Kriterien für eine Akzeptanz der Organspende ausgeweitet. Dies ist ein Mittel, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen und den Patienten auf der Warteliste helfen zu können.

Organspender werden immer älter

So gibt es immer mehr Organspender die an internistischen und neurologischen Krankheiten gestorben sind und immer weniger, die durch Unfälle zu Tode kamen. Und die Spender werden älter: Der Anteil der 16- bis 54jährigen nimmt seit Beginn der 90er Jahre ab, der Anteil der über 65jährigen zu.

Akute Vergiftungen waren noch vor 15 Jahren fast immer ein Ausschlußkriterium für die Spende innerer Organe, aber das hat sich geändert und wird vermutlich auch künftig im Fluß bleiben. In vielen Kliniken, etwa im Herzzentrum Nordrhein-Westfalen in Bad-Oeynhausen, transplantieren Ärzte auch Herzen von hirntoten Spendern, die an Vergiftungen mit Kohlenmonoxid, Benzodiazepinen, E605 in Kombination mit einem Betablocker, Zyanoverbindungen, Alkohol und Schmerzmitteln gestorben sind (Transplantation 66, 1998, 9).

Eine Umfrage unter britischen Intensivmedizinern hat ergeben, daß für 80 Prozent akute Intoxikationen nicht grundsätzlich eine Kontraindikation zur Organspende sind. Die Hälfte der Befragten lehnte hirntote Menschen, die an einer Überdosis Kokain gestorben waren, nur deshalb ab, weil sie bei diesen potentiellen Spendern ein höheres Risiko für die Übertragung gefährlicher Infektionen vermuteten (Critical Care 7, 2003, 147).

Die Rationale für die Akzeptanz von Spendern mit Intoxikation in der Vorgeschichte: Die inneren Organe können sich von einer Vergiftung erholen, obwohl das Gehirn hypoxiebedingt irreversibel geschädigt ist.

Bei Intoxikation durch zentral dämpfende Arzneien stellt sich aber die Frage, ob sich denn die Unumkehrbarkeit des Hirntodes dann überhaupt feststellen läßt. Die Richtlinien der Bundesärztekammer enthalten über Methoden, wie denn die Wirkung zentral dämpfender Mittel ausgeschlossen werden soll, keine Angaben.

Im Zweifel werden zwar häufig Plasmakonzentrationen bestimmt, und bei den Grenzwerten für einen zentral dämpfenden Effekt orientiert man sich an Daten neurophysiologischer Fachgesellschaften. Für viele Stoffe fehlen aber Schwellenwerte (Anästhesiologie und Intensivmedizin 44, 2003, 563).

Zudem sind toxikologische Gutachten potentieller Organspender nicht Pflicht, so wie es - nach Auslaufen des Zertifikats in der Organspenderegion Nord - derzeit überhaupt keine durch Zertifizierungen überprüften Standards bei der Organspende in Deutschland mehr gibt. Bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) sind Zertifizierungen in Proberegionen künftig aber geplant.

Es gibt auch "keine feste Liste mit Erkrankungen, die das Spenden von Organen ausschließen", sagte DSO-Vorstand Professor Günter Kirste kürzlich der Presseagentur "dpa". Blutkulturen, Körperflüssigkeiten und Abstriche von Geweben werden auf Bakterien gescreent und eine Organentnahme nur dann ausgeschlossen, wenn eine Infektion nicht beherrschbar zu sein scheint (Intensivmedizin und Notfallmedizin 41, 2004, 44). Obligat wird auf HIV, Hepatitisviren und Zytomegalieviren getestet. Aber selbst HCV-positive Organe werden inzwischen HCV-negativen Wartepatienten angeboten, wenn ihre Situation lebensbedrohlich ist.

Auch suboptimale Organe werden akzeptiert

Bei Eurotransplant (ET), der Vermittlungszentrale für sechs europäische Länder inklusive Deutschland, werden solche Organe nach einem "modifizierten Allokationsverfahren" vermittelt, erläutert Dr. Till Gerling vom Ärztlichen Dienst bei ET der "Ärzte Zeitung".

Die Transplantationszentren geben dafür in einem Empfängerprofil an, welche auch suboptimalen Organe für ihre Patienten noch akzeptabel wären. "Wichtig ist, daß mit den Empfängern alle Risikokonstellationen mit ihren positiven und negativen möglichen Folgen konkret durchgespielt wurden", sagt Professor Werner Lauchart aus Stuttgart, geschäftsführender Arzt bei der DSO in Baden-Württemberg.

Außerdem werden bei ET Organe nach einem "beschleunigten Verfahren" verteilt, um Organe zu retten, die in einem Zentrum abgelehnt wurden. Wenn ein nicht-renales Organ dreimal aus medizinischen Gründen abgelehnt wurde, gilt es bei ET als ungeeignet für die Transplantation, bei renalen Organen nach fünfmaliger Zurückweisung. Von der Leber der tollwutinfizierten Organspenderin ist bekannt, daß sie wenigstens einmal abgelehnt wurde, da die Frau trotz antibiotischer Therapie kurz vor ihrem Tod noch Fieber und eine Leukozytose gehabt hatte.

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