Ärzte Zeitung, 11.07.2005

HINTERGRUND

Im Ernstfall stünden in Berlin ad hoc 1000 Klinikbetten bereit

Von Angela Mißlbeck

New York, Madrid, London: Was wäre, wenn Berlin zum Ziel von Anschlägen würde? Eine konkrete Bedrohung besteht nach Angaben des Berliner Innensenators Ehrhart Körting zwar nicht. Doch die Hauptstadt ist auf den Ernstfall vorbereitet.

In direkter Reaktion auf die Anschlagserie in London haben die Berliner Verkehrsbetriebe noch am Donnerstag Vormittag die Sicherheitsvorkehrungen auf Stufe Gelb, die zweite von vier Stufen erhöht. Auch die Sicherheitsmaßnahmen bei der Bahn, an den Flughäfen und vor manchen Botschaftsgebäuden wurden verstärkt (wir berichteten).

      "Berlin hat bundesweit einzigartige Stellung bei Katastrophen-Medizin."
   

Immer in Alarmbereitschaft sind die Notärzte und Rettungssanitäter Berlins. Auf das Kommando der zentralen Einsatzleitung beim Innensenator hin rücken sie im Ernstfall gleich mit der Feuerwehr aus. "Derzeit sind in Berlin 90 Rettungswagen im Einsatz. 40 bis 50 von ihnen stünden sofort vor Ort zur Verfügung", sagt der Referatsleiter Katastrophenschutz und Notfallmedizin bei der Senatsverwaltung für Gesundheit, der Chirurg Dr. Sigurd Peters.

Ärzte werden aus Kliniken an den Einsatzort geholt

Zusätzlich stehen Einsatzwagen aus 15 Krankenhäusern bereit, die mit einem Arzt und einer Pflegekraft besetzt sind. "Das Berliner System ist so aufgebaut, daß sehr schnell geschulte Ärzte und Pflegekräfte aus Krankenhäusern an den Einsatzort geholt werden können", erläutert Dr. Heinz Helge Schauwecker, der als Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin und Chefarzt der Unfallchirurgischen Klinik des DRK-Klinikums Westend in Berlin an der Entwicklung der Katastrophenpläne für Berlin mitwirkt.

An den Einsatzorten koordinieren 30 Leitende Unfallärzte die Versorgung der Verletzten. Sie grenzen einen sogenannten Verbandplatz mit Sichtungsbereich ab. Das kann eine Zone in der Schalterhalle eines U-Bahnhofs sein, aber auch ein schnell aufgebautes Zelt im Freien. Dort teilen die koordinierenden Notfallmediziner die Opfer nach dem Grad ihrer Verletzungen ein und organisieren die Erstversorgung. Die Feuerwehr verteilt die Verletzten auf die 38 Aufnahmekrankenhäuser in Berlin.

"Bei einem Ereignis in der Londoner Größenordnung, würden wir auch die Luftrettung hinzuziehen und Patienten ausfliegen", sagt der Katastrophenbeauftragte der Charité Campus Mitte, Dr. Helmar Wauer.

Damit die Verletzten angemessen versorgt werden können, hat die Einsatzleitung detaillierte Angaben über die Kapazitäten und Behandlungsspektren der Kliniken. Neben sechs Unfallschwerpunkt-Krankenhäusern und 16 Unfallkrankenhäusern mit unfallchirurgischen und internistischen Abteilungen sind 16 kleinere Kliniken als Erste-Hilfe-Krankenhäuser in das Alarmsystem eingebunden. "Wir können innerhalb kürzester Zeit mehr als 800 Patienten in Krankenhäuser aufnehmen und die Kapazitäten binnen weniger Stunden auf über 1000 aufstocken", sagt die Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung, Roswitha Steinbrenner.

Sobald die Verletzten in den Kliniken angekündigt werden, laufen dort die Vorbereitungen an. In bisher 108 Übungen haben die 38 Aufnahmekrankenhäuser die Versorgung nach dem Alarmplan simuliert. Großübungen finden auch auf Flughäfen, in der U-Bahn und zum Beispiel im Olympiastadion statt. "Wir kennen die riskanten Orte. Dort wird der Ernstfall simuliert. Gerade in Berlin sind wir hinsichtlich der Risikoplanung sehr gut vorbereitet", sagt Schauwecker. Wauer führt das auch auf die Vergangenheit der Stadt zurück. "Berlin hat bundesweit eine einzigartige Stellung in Bezug auf Katastrophenmedizin, nicht nur durch Übungen, sondern auch durch seine isolierte Stellung in der Zeit des Kalten Krieges", so Wauer.

Gut vorbereitet fühlt sich die Hauptstadt auch im Hinblick auf die Fußballweltmeisterschaft 2006. Für das Großereignis wird der Bestand an dezentral eingelagerten Medikamenten und Verbandmitteln für bisher etwa 1000 Verletzte derzeit verdoppelt. In die Alarmübungen der Krankenhäuser sind neuerdings zudem scheinbar kontaminierte Patienten eingebaut, damit auch für bioterroristische Angriffe alles vorbereitet ist.

Nur die psychologische Erste Hilfe sei in Berlin zwar eingeführt, aber noch ausbaubedürftig, meint Roswitha Brühl, die im Leitungsteam der Fachgruppe Notfallpsychologie des Berufsverbands Deutscher Psychologen auch für Berlin zuständig ist.

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Berliner Kliniken testen Ernstfall

Die 100. Katastrophenübung fand an der Charité Mitte statt. Die Senatsgesundheitsverwaltung kündigte 200 Verletzte nach einem Unglück an. Keine zehn Minuten später wurden die ersten "Patienten" eingeliefert, "überzeugend geschminkt und vor Schmerzen schreiend", wie Dr. Helmar Wauer, Katastrophenschutzbeauftragter der Charité berichtet. "Inzwischen waren alle Stationen informiert und drei OP-Teams zur Stelle. Während die Rettungsstelle pausenlos Verletzte aufnahm, machten sich über 500 Ärzte, Schwestern, technische und Verwaltungsmitarbeiter auf den Weg in die Klinik". (ami)

 

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