Ärzte Zeitung, 26.07.2005

Spezialton soll Menschen aus Brandinferno lotsen

Die von einer britischen Forscherin entwickelte Tonfolge wurde kürzlich mit Erfolg am Flughafen Hannover getestet

Von Monika Wendel

Binnen Sekunden ist das Flughafen-Terminal verraucht. Beißender Qualm steigt den Fluggästen in die Augen, sie verlieren die Orientierung. Ein solches Schreckensszenario kann Menschenleben kosten - die größte Brandkatastrophe an einem deutschen Passagierflughafen hatte sich 1996 in Düsseldorf ereignet mit 17 Toten und 88 Verletzten.

Ein simulierter Brand am Flughafen Hannover: Teilnehmer einer Katastrophenübung testen ein neues Evakuierungssystems. Fotos: dpa

Seitdem wurden Millionen in Brandschutz- Konzepte investiert, immer wieder tüfteln Flughafen-Feuerwehren an neuen Verfahren. Um die Rettung bei Bränden zu verbessern, erprobte der Flughafen Hannover kürzlich ein System zur Evakuierung mit Hilfe eines neuartigen speziellen Tonsignals.

Armin Schneider leitete die Übung am Terminal des Hannoveraner Flughafens. Hinter ihm hängt ein zweisprachiger Flucht- und Rettungsplan.

Die Testpersonen im Abflugterminal A sind von Nebelschwaden eingehüllt, die Durchsage zum Verlassen des Gebäudes auf Russisch können sie nicht verstehen. Dann setzt eine spezielle und ungewöhnliche Tonfolge ein, die aus einem Lautsprecher über einem Notausgang kommt.

"Wir wollen herausfinden, wie die Menschen darauf reagieren", erklärt Armin Schneider, der Marketingleiter der Firma AirIT Systems, dem IT-Dienstleister des Flughafens Hannover. Das Evakuierungs-Konzept entstand beim Zentralverband Elektrotechnik und Elektroindustrie (ZVEI).

Die Testteilnehmer, die im dicken Nebel nichts mehr sehen können, finden schnell heraus, woher das akustische Signal kommt und folgen ihm. Das Geräusch weist ihnen den Fluchtweg in die Freiheit und lotst sie aus dem brennenden Flughafen-Terminal. "Ich habe mich ganz auf das Tonsignal konzentriert", sagt einer von 36 Probanden, ein freiwilliger Feuerwehrmann, beeindruckt.

Eine britische Professorin hatte das Spezialgeräusch nach Angaben der deutschen Projektleiter mit bestimmten Tonfolgen entwickelt. Auf Schiffen in England werde es bereits eingesetzt, erzählt Bernd Ammelung vom ZVEI, der für das Evakuierungssystem verantwortlich ist. Auf andere Alarmtöne von Klingeln oder Hupen reagierten die Menschen dagegen im Notfall kaum, das hätten Untersuchungen erwiesen.

Aus Sicht der Unternehmen, die das Konzept testen, kann es auch in Kliniken, Kinos und Discotheken eingesetzt werden. Allerdings ist das System von der Marktreife weit entfernt. "Wir müssen noch andere Testszenarien aufbauen", meint Schneider. Der Flughafen Hannover wolle hier aber "Vorreiter in der deutschen Flughafenlandschaft" sein.

Der Düsseldorfer Airport scheint sich von dem Test wenig beeindrucken zu lassen. "Wir haben eines der weitest reichenden Brandschutz-Systeme, die es an deutschen Airports gibt", sagt Flughafen-Sprecher Torsten Hiermann. Das verheerende Feuer 1996 hatte zu einer Neuausrichtung der Sicherheitskonzepte an Flughäfen geführt.

"Wir haben heute eine Evakuierungszeit von sieben Minuten. Dann ist das Terminal wirklich leer", meint Hiermann. Technik allein reiche aber nie aus. Wichtig sei die Schulung aller Flughafenmitarbeiter, damit diese bei einem Brand Fluggäste aus dem Terminal lotsen können.

Der Leiter der Brandschutzes am größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main, Karl-Christian Hahn, sagt: "Es ist gut, wenn viele Flughäfen verschiedene neuartige Systeme testen." Auch in Frankfurt werden seit längerem mehrere Fluchtwege-Modelle erprobt. Ein Flughafen sei aber im Brandfall nicht gefährlicher als etwa eine Messehalle oder ein großes Shopping-Center, betont Hahn.

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