Ärzte Zeitung, 07.09.2005

Risikokarte soll Deutschland besser vor Katastrophen schützen

Forscher der Universität Karlsruhe sammeln Daten, um Orkane, Erdbeben und Hochwasser vorherzusagen und Vorsorge-Maßnahmen einzuleiten

Von Timon Müller

Mit einer sogenannten Risikokarte wollen Forscher aus Karlsruhe vor Katastrophen wie Orkane, Erdbeben oder Hochwasser warnen und den Schutz davor verbessern.

"Verhindern können wir sie nicht", sagt Lothar Stempniewski, Sprecher des "Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology" (CEDIM) an der Universität Karlsruhe. "Aber je besser die Risiken bekannt sind, umso effektiver können Maßnahmen zur Vorsorge getroffen werden, um das Ausmaß von Katastrophen in Grenzen zu halten."

CEDIM-Sprecher Lothar Stempniewski weist auf eine Risikokarte. Foto: dpa

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt CEDIM gründeten die Universität Karlsruhe und das GeoForschungsZentrum Potsdam im Dezember 2002. Geologen, Ingenieure, Soziologen, Informatiker - bis zu 150 Wissenschaftler sind über CEDIM vernetzt. Sie haben unzählige Daten gesammelt und ausgewertet.

Im Blick haben sie die Naturgefahren Sturm, Erdbeben, Hochwasser und Weltraumwetter. Berücksichtigt werden auch Risiken, die von Menschen verursacht werden. "Das können ein Unglück im Atomkraftwerk oder Terrorakte sein", sagt Stempniewski.

Blau signalisiert ein geringes, Rosa das höchste Risiko

Wie wirken sich Katastrophen auf die Infrastruktur aus? Auch dieses Problem analysiert eine Forschungsgruppe von CEDIM. Bunte Karten vermitteln für die verschiedenen Risiken einen Überblick über die Katastrophengefahr. Wie stark Regionen gefährdet sind, zeigen farbliche Abstufungen an.

Sind die Stellen blau, ist das Risiko gering. Gelb und Grün markieren Regionen, die in einem mittleren Ausmaß betroffen wären, rötliche Flächen weisen auf große Gefahr hin. Rosa schließlich signalisiert akutes Risiko.

So wird auf einen Blick deutlich: Die Erdbebengefahr ist besonders hoch auf der Schwäbischen Alb, rund um Basel und in der Region Aachen/Köln. Mit ihren Methoden können die CEDIM-Forscher realistisch die Stärke der Ereignisse simulieren. Auf dieser Grundlage berechnen sie die Höhe der Schäden, die dort zu erwarten wären.

Analysiert haben die Wissenschaftler den Orkan "Lothar", der 1999 mit über 210 Stundenkilometern über den Südwesten Deutschlands hinwegfegte. Ihre Erkenntnis: Wären die Böen nur zehn Prozent stärker gewesen, hätte das eine drei Mal höhere Schadenssumme zur Folge gehabt.

Eine Risikokarte für ganz Deutschland ist in Arbeit

Solche Karten existieren in Baden-Württemberg bereits für die Gefahren durch Hochwasser, Erdbeben, Sturm und die Folgen auf die Infrastruktur. Schritt für Schritt arbeiten die Forscher an einer Karte für ganz Deutschland. "Wir wollen die Risiken für die einzelnen Gebiete quantifizierbar und vergleichbar machen", sagt Stempniewski. Für den 47jährigen Bauingenieur steht bei dem Forschungsprojekt der Nutzwert für die Gesellschaft im Mittelpunkt.

CEDIM wertet nicht nur Daten aus. Zu den jeweiligen Risiken werden auch realistische Szenarien erstellt. Wie würde eine Katastrophe in einer bestimmten Region ablaufen? Welche Vorsorge kann getroffen werden? Wie läßt sich der Schaden begrenzen? "Die Vorsorge ist für uns das A und O", sagt Stempniewski. "Wir wollen die Risiken besser verstehen, wir wollen sie früher erkennen und lernen, die Folgen von Katastrophen besser zu beherrschen."

Auf Grundlage der Forschungsergebnisse können Übungen zum Katastrophenschutz verbessert werden. Durch Investitionen sollen sich gefährdete Regionen gezielter vorbereiten können. Auch bei der Bauplanung oder in der Versicherungswirtschaft helfen die Karten bei der Abschätzung von Risiken. CEDIM-Ergebnisse fließen ins Deutsche Notfall-Informationssystem (deNIS) ein.

Das Know-how von CEDIM ist gefragt: Wissenschaftler der Gruppe arbeiten an einem Tsunami-Frühwarnsystem in Asien. In Istanbul und Bukarest setzt man bei der Prävention vor Erdbebenschäden auf die Expertisen der Deutschen. Ihr Wissen will CEDIM künftig vermarkten: "Wir wollen noch in diesem Jahr eine Firma mit Sitz in Karlsruhe gründen", sagt Stempniewski. Über diese ist es dann möglich, CEDIM-Produkte für besondere Kundenbedürfnisse zu entwickeln.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: www.cedim.de

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