Ärzte Zeitung, 27.10.2005

Seenot-Übung: fliegende Notärzte im Einsatz vor Rügen

350 Einsatzkräfte aus Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein bei der Sturmflut-Übung "Arche 05"

Von Ralph Sommer

Eine steife Brise bringt das Fahrgastschiff vor der Ostseeinsel Rügen bedrohlich ins Schlingern. Die 76 Passagiere an Bord halten sich nur mühsam auf den Beinen. Ein älterer Mann stürzt, prallt mit dem Kopf gegen eine Tischkante. Über Funk fordert der Kapitän medizinische Hilfe für den Bewußtlosen an. Eine Viertelstunde später nähert sich ein Hubschrauber der "Adler-Dania".

Die "Verletzten" einer Schiffshavarie werden im Fährhafen Sassnitz-Mukran auf Rügen versorgt. Fotos: ddp

Beim Anflug verfangen sich die Rotorblätter in den Funkmasten des Schiffs. Der Helikopter kracht auf das Deck. Bei einem Feuerinferno werden Dutzende Menschen verletzt. Der Kapitän sendet ein Seenotsignal. Punkt 8.05 Uhr schrillen im Führungsstab des deutschen Havariekommandos in Cuxhaven die Alarmglocken.

Dichte Rauchwolken steigen auf vom Deck der "havarierten" Fähre "Adler-Dania" - für eine der größten Kastastrophenschutz-Übungen in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Sturmflut-Übung "Arche 05", in der Spezialisten in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein den koordinierten Einsatz im Notfall trainieren, erreicht ihren Höhepunkt. Über Funk werden die im Seegebiet befindlichen Schiffe zu dem angeblich brennenden Havaristen in die Troper Wiek beordert.

In Rostock startet ein Hubschrauber mit einem Ärzteteam. Noch während des Fluges bereitet sich Rettungsmediziner Carl-Robert Penner auf den Ernstfall vor. Ihm zur Seite sitzen drei Assistenten. In wenigen Minuten sollen sie auf offener See abgesetzt werden.

Penner hat das Abwinschen vom Hubschrauber geübt. Der Hamburger gehört zu jenen norddeutschen Notärzten, die in Spezialkursen auf Rettungseinsätze in stürmischer See vorbereitet wurden. Fast 100 Rettungsmediziner, darunter etwa 20 Ärztinnen, haben trainiert, wie man auf See aus einem Hubschrauber abspringt, eine Rettungsinsel besteigt und Schiffbrüchige versorgt.

Gegen 8.30 Uhr erreichen die fliegenden Sanitäter den Ort der "Katastrophe". Inzwischen haben zwei Seenotkreuzer und eine Fähre das in dichten Qualm gehüllten Passagierschiff erreicht. Der Helikopter bringt sich über dem Landedeck der Fähre in Position.

Dann schwenkt Penner den Haltebügel nach außen und läßt sich an einem Seil abwinschen. Wenig später versorgt der 43jährige die ersten "Verletzten": Eine Frau muß wegen leichter Verbrennungen behandelt werden, ein älterer Mann hat sich eine schwere Rippenverletzung zugezogen, ein Kind muß beatmet werden.

Von Bord eines Polizeibootes klettern weitere Rettungsassistenten auf den Havaristen. Der Seenotkreuzer "Wilhelm Kaisen" macht längsseits fest. Dann werden die ersten Verletzten auf Tragen hinübergehoben.

Ein "Schwerverletzter" wird an Bord eines Rettungshubschraubers gehievt und sofort ins Krankenhaus geflogen. Mit 20 "Patienten" nimmt der Kreuzer Kurs auf Mukran auf der Insel Rügen. In voller Fahrt erreicht er gegen 9.45 Uhr den Fährhafen.

Auf der Pier haben inzwischen Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerkes Zelte aufgebaut. Feuerwehrleute tragen die "Verletzten" in die Notaufnahme. Nach einer kurzen Untersuchung ordnet Ärztin Antje Lewerentz den Abtransport an. Vor den Zelten stehen Dutzende Rettungsfahrzeuge bereit.

Gegen Mittag ist die Rettungsübung beendet. Der Sprecher des Havariekommandos, Frank Klaeßen, lobt das koordinierte Zusammenwirken der mehr als 350 beteiligten Einsatzkräfte. Insgesamt trainierten am Wochenende entlang der deutschen Ostseeküste 3500 Spezialisten die Abwehr einer schweren Sturmflut.

Sie probten die Sicherung von Deichen, die Evakuierung von Menschen und Tieren, die Errichtung einer mobilen Schutzwand und die Bergung losgerissener Schiffe. (ddp.vwd)

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