Ärzte Zeitung, 18.04.2006

"Ich sehe Gebäude einstürzen, von der Straße höre ich Weinen und Schreie"

In San Francisco erinnert man sich des großen Erdbebens heute vor 100 Jahren

SAN FRANCISCO (dpa). Als Chefin der Rettungsdienste von San Francisco schärft Annemarie Conroy den Einwohnern der Westküstenstadt ein, daß sie auf einem Pulverfaß sitzen. "Wer das Glück hat, das schwere Beben zu überleben, muß sich darauf einstellen, die ersten drei Tage alleine klar zu kommen", predigt die Mittvierzigerin. Solche Warnrufe treffen derzeit auf offene Ohren. Seit Wochen werden die Bürger am San-Andreas-Graben an das Trauma von 1906 erinnert.

Blick auf ein nach dem großen Erdbeben vom 18. April 1906 brennendes Hochhaus in der kalifornischen Stadt San Francisco. Fotos: dpa

An jenem Dienstag heute vor 100 Jahren riß die berüchtigte Verwerfung auf einer Länge von 470 Kilometern auf. Das schlimmste Beben in der Geschichte der USA legte das "Paris des Westens" in Schutt und Asche, tötete zwischen 3000 und 6000 Menschen und machte die Hälfte der Bevölkerung obdachlos. San Francisco war mit 400 000 Einwohnern damals die größte Stadt westlich des Mississippi, Bankenzentrum, Hafen und Tummelplatz für Abenteurer und Genießer.

Der Seismologe David Schwartz zeigt auf die Hayward-Verwerfung in der Bay Area von San Francisco.

Der Polizist Jesse Cook, der um fünf Uhr morgens Dienst hatte, beschrieb die Aufwölbung der Straßen mit "Wellen des Ozeans, die auf mich zurollen". Was der Erdstoß der Stärke 7,9 nicht zerstörte, besorgte der nachfolgende dreitägige Feuersturm. Schon eine Stunde nach dem Beben tobten 50 Feuer, durch zerborstene Gasleitungen angefacht, die schnell die Holzbauten erfaßten.

Der italienische Star-Tenor Enrico Caruso, der am Vorabend des Bebens in der Oper auf der Bühne stand, beschrieb den Blick aus dem prachtvollen Palace Hotel, das dem Erdstoß standhielt, später aber ausbrannte: "Was ich sehe, läßt mich vor Angst erzittern. Ich sehe Gebäude einstürzen, große Mauerstücke fallen, und von der Straße höre ich Weinen und Schreie von Männern, Frauen und Kindern." Er hielt sein Versprechen, nie mehr nach San Francisco zurückzukehren.

Das Szenario nach dem drohenden "Big One" unserer Tage, der möglichen seismologischen Katastrophe für Nordkalifornien, könnte sogar das Ausmaß der Verwüstung durch Hurrikan "Katrina" in den Südstaaten übertreffen. Bis zu 5000 Tote, 225 000 Obdachlose, zerstörte Stadtviertel, Straßenzüge und Brücken, lautet die Prognose.

Heute leben sechs Millionen Menschen in der Bay Area um San Francisco, Oakland und San José. Am Jahrestag des Bebens startet das Rote Kreuz das ehrgeizige Projekt "Prepare Bay Area": Eine Million Menschen sollen in Erster Hilfe geschult werden, Notfallvorräte anlegen und einen Evakuierungsplan für den eigenen Haushalt ausarbeiten.

Die 109jährige Lucille Meyer zählt zu den etwa 80 Prozent der Anwohner, die noch kein "Earthquake-Kit" mit Wasser, Notproviant und Taschenlampe griffbereit am Eingang stehen haben. Die älteste Überlebende des Bebens von 1906 wohnt mit ihrer 81jährigen Tochter in einem Vorort von San Francisco. Sie war neun Jahre alt, als ihr Elternhaus in Flammen aufging. Sie erinnere sich noch gut, mag aber nicht darüber sprechen.

Die Stadt feiert die Überlebenden von einst heute wie Berühmtheiten. Die immer kleiner werdende Gruppe der "Survivors" - jetzt noch ein gutes Dutzend - trifft sich alljährlich im Morgengrauen an einem Brunnen in der Innenstadt, der damals das Beben überstand. Zum 100. Gedenktag werden heute 20 000 Schaulustige, viele in historischen Kostümen, erwartet.

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