Ärzte Zeitung, 20.09.2006

Wie Rettungshunde ausgebildet werden

Rettungshundestaffel des Berliner Roten Kreuzes / Spielzeug oder Futter sind Motivation für die Hunde

Von David Rollik

Übung im Bunker: Hundeführer Carsten Krönig von einer Rettungshundestaffel des Berliner Roten Kreuzes mit Hund Pat. Ein Rettungshund kann verschüttete Menschen bis in einer Tiefe von etwa fünf bis acht Metern aufspüren. Foto: ddp

Düster ist es, die Luft ist schwül. Plötzlich taucht aus dem beklemmenden Dunkel Pat auf, sein Hecheln hallt durch den unwirklichen Raum. Zielsicher eilt er über Trümmer und Schutt und steuert einen hinter Geröll versteckt liegenden Menschen an. Mit lautem Bellen signalisiert er: Hier liegt jemand, der Hilfe braucht. Als Belohnung bekommt er von seinem Besitzer Carsten Kröning sein Lieblingsspielzeug. Wenn Pat so weitermacht, ist die anstehende Rettungshundeprüfung für den eineinhalbjährigen Golden Retriever kein Problem.

Trümmereinsatz wird in der Ruine eines Flakturms geübt

Daß es draußen regnet, bekommt hinter den zweieinhalb Meter dicken Wänden der Ruine des Flakturm Humboldthain an diesem Abend niemand mit. Am Rande des Volksparks Humboldthain steht der Beton-Koloß, den die französischen Besatzer nach dem Zweiten Weltkrieg sprengen wollten, aber nur die Nordseite zum Einsturz bringen konnten. Heute ist das Relikt Aussichtsturm und Kletterwand. Das Innere war aus Sicherheitsgründen viele Jahre für die Öffentlichkeit gesperrt. Erst 2004 machte der Verein Berliner Unterwelten den Turm wieder begehbar.

"Wir suchen immer wieder neue Gelände, um den Trümmereinsatz üben zu können", sagt Melanie Lorek. Die 24jährige Studentin ist seit Ende 2002 zusammen mit ihrer Weimaraner-Hündin Ronja Mitglied der Rettungshundestaffel des Berliner Roten Kreuzes. "Wenn der Hund immer auf dem gleichen Gelände übt, kennt er irgendwann alle Verstecke", sagt sie. Umso glücklicher war die Rettungshundestaffel deshalb, als der Verein Berliner Unterwelten anbot, im Flakturm zu trainieren. Der ist an der zerstörten Nordseite mit Schutt gefüllt, "ein sehr schweres Gelände", sagt Lorek.

Die Hunde halten beim Training nur 20 Minuten durch

Das Training verlangt den Tieren viel Konzentration ab, länger als 20 Minuten können sie nicht am Stück ins Trümmerfeld. Deshalb könnten nur die besonders mobilen Hunde Trümmerhund werden, erklärt Lorek. Die anderen würden sogenannte "Flächenhunde", sie suchen also beispielsweise in Wäldern nach Vermißten. In jedem Fall müssen die Hunde gesund, lauffreudig und "entweder sehr verspielt oder sehr verfressen" sein.

Egal ob Fläche oder Trümmer - das wichtigste Organ des Hundes ist die Nase. "Menschen haben fünf Millionen Riechzellen, Hunde haben 275 Millionen", sagt Lorek. Mit der Nase können sie deshalb die menschliche Witterung aufnehmen und suchen.

Auf das Kommando ihres Hundeführers laufen sie los, durchsuchen ein Gelände und bellen den Vermißten an, wenn sie ihn finden. Als Belohnung und zur Motivation bekommt der Vierbeiner dann Spielzeug oder etwas Futter.

Bis ein Hund in einen Einsatz kann, vergeht allerdings einige Zeit. Zwei bis drei Jahre Ausbildung sind nötig. Danach gibt es eine Prüfung, die den Hund zum Einsatz befähigt. Diese Prüfung muß jedes Jahr erneut abgelegt werden. "Die Ausbildung ist nie abgeschlossen", betont Lorek. Bis die Tiere acht Jahre alt sind, werden sie weiter trainiert.

Die Hundeführer müssen eine Sanitätsausbildung absolvieren

Und auch die Hundeführer werden ausgebildet, sie müssen eine Sanitätsausbildung absolvieren, Einsatztaktik üben und Funkkenntnisse haben. Ein Hobby wie Angeln oder Modellbau ist die Rettungshundestaffel deshalb nicht. "Es macht viel Spaß, ist aber auch unheimlich viel Arbeit", sagt Lorek.

Zweimal pro Woche treffen sich die 17 Rettungshundeführer mit ihren 20 Hunden zum Training, insgesamt 20 Stunden werden jede Woche in das Ehrenamt investiert. Und das auch nur so lange, wie es dem Hund Spaß macht.

Daß die Zahl der jährlichen Einsätze auf zuletzt zehn zurückgegangen ist, bedauert Lorek etwas. "Es ist wohl nicht genug bekannt, daß es uns gibt - und daß unsere Einsätze kostenlos sind." Es schade deshalb nie, wenn die Rettungshundestaffel alarmiert werde. "Denn mehr als finden können wir nicht." (ddp.vwd)

STICHWORT

Rettungshunde

Zum Rettungshund geeignet ist fast jeder Hund. Er sollte gesund und leistungsfähig sein, menschenfreundlich und sozial verträglich sowie nicht zu klein und nicht zu groß. Die Ausbildung kann als Welpe begonnen werden, Höchstalter bei Ausbildungsbeginn ist etwa fünf Jahre, teilt die "HundeZeitung" mit. Die Ausbildung bis zur ersten Prüfung dauert mindestens zwei Jahre bei zweimal wöchentlichem Training. Voraussetzung für eine Rettungshundeprüfung ist die Begleithundeprüfung. Die Rettungshundeprüfungen müssen jährlich absolviert werden. Ausgebildet wird in Flächen-, Trümmer-, Wasser- und Lawinensuche. (eb)

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