Ärzte Zeitung, 29.08.2007

HINTERGRUND

Nach dem Beben in Peru - Ärzte der Hilfsorganisation humedica versorgen verletzte Patienten vor Ort

Von Ruth Ney

In Peru ist es nach dem verheerenden Erdbeben am 15. August wieder ruhig geworden. Die Menschen dort konzentrieren sich nun auf die Aufräumarbeiten. Steine werden weggetragen, es wird gewischt und gefegt. "Auch für uns Ärzte ist es ruhiger geworden, nachdem die Patienten mit den schlimmsten Verletzungen versorgt sind. Wir haben auch keine Nachbeben mehr - das war schon ein bedrohliches Gefühl. Nun können wir uns vor allem auf die Nachsorge der Patienten konzentrieren", berichtet der Münchner Chirurg Dr. Klaus Michael Hahn am Telefon aus Pisco, der am meisten vom Beben betroffenen Stadt.

Ärztliche Versorgung auf der Straße: Tausende von Menschen in Pisco sind derzeit ohne feste Unterkunft. Sie leben in kleinen Zelten. Fotos: humedica

80 Prozent der Gebäude der Hafenstadt wurden beschädigt oder ganz zerstört, 400 der über 500 Todesopfer stammen von dort. Die meisten Patienten, die Hahn anfangs versorgte, hatten durch Quetschungen und Blutungen ein Kompartment-Syndrom, das zum Absterben von Gliedmaßen führen kann. Viele hatten auch Frakturen, etwa an Händen, Unter- oder Oberschenkeln.

Dr. Klaus Hahn kümmert sich um einen Patienten mit Rückenverletzung.

Der Chirurg gehört zum Ärzteteam von humedica, einer christlich motivierten Organisation, die in humanitären Notsituationen kurzfristig medizinische Hilfe bereitstellt. Zudem werden Hilfsgüter geschickt, jetzt zum Beispiel dringend benötigte Medikamente, Gipsbinden und Schienen zur Stabilisierung von Knochenbrüchen. Zur finanziellen Hilfe hat das Auswärtige Amt eine Summe von 40 000 Euro bereitgestellt. Für die weitere Aufbauarbeit ist die Organisation auf Spenden angewiesen.

Schon nach 16 Stunden startete das Ärzteteam nach Pisco

Die schnelle Einsatzbereitschaft ist typisch für humedica. So erhielt Hahn schon kurz nach den ersten Berichten über das Erdbeben eine SMS von humedica. "Die Anfrage, ob ich nach Pisco reisen kann, kam um 12 Uhr Mittag, um 17 Uhr wusste ich, dass ich mit dabei bin und um 19.25 Uhr bin ich abgeflogen", erzählt Hahn im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Da habe ich in der Eile zwar einiges zu Hause vergessen, aber man kann das ja irgendwie alles organisieren."

So startete bereits 16 Stunden nach dem Beben vom Flughafen München ein Team, bestehend aus Hahn, einem weiteren Chirurgen - dem Katastrophenmediziner Professor Dr. Bernd Domres -, der Kinderärztin Dr. Saskia Wortmann, der Apothekerin und Krankenschwester Christiane Leppla und Steffen Richter als Koordinator.

Hahn hatte bis vor fünf Jahren eine Praxis als Facharzt in München und war unter anderem als Präsident der deutschen Belegärzte auch berufspolitisch aktiv. "Manch einer kennt mich noch als den ,Beleg-Hahn‘", sagt er schmunzelnd. Seither sei er schon mehr als zehnmal mit verschiedenen Organisationen zu humanitären Einsätzen unterwegs gewesen, mit humedica sei das nun das erste Mal. Trotz der Anstrengungen ist er gerne unterwegs: "Ich bin zwar schon 70, aber Gott sei Dank noch voll einsatzfähig." In Pisco kümmere er sich in Absprache mit dem Bürgermeister, Juan Mendoza, der durch das Beben seine gesamte Familie verloren hat und nun die Hilfe für seine Stadt organisiert, vor allem um die ambulante Versorgung von Patienten.

Die letzten Tage habe er zum Beispiel am Rande eines Schuttplatzes gearbeitet in einem kleinen Zelt und unter primitiven Verhältnissen mit nicht viel mehr als Verbandmaterial, Decken und einem Arztkoffer. Außer den typischen Verletzungen nach einer solchen Katastrophe, sorgt der starke Trümmer-Staub überall in der Stadt zusätzlich für Atembeschwerden. Vor allem Kinder und ältere Menschen leiden darunter. Viele traumatisierte Patienten warten nicht nur auf konkrete Hilfe, sondern auch auf ein offenes Ohr und Zuspruch, so die Erfahrung des Teams.

Das Beben hat bei vielen tiefe Spuren hinterlassen

Hahns fast gleichaltriger Kollege, der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin, Professor Domres arbeitet derweil im Krankenhaus, oder besser in dem, was davon noch übrig ist, weil dort dringend ein erfahrener Traumatologe benötigt wurde. "70 Prozent der vor etwa 60 Jahren gebauten Klinikgebäude liegen in Trümmern. Auch der OP ist zerstört. Wir haben aber inzwischen einen kleinen Raum in einem erhaltenen Neubau zum Not-OP umfunktioniert" berichtet Domres. Auch bei den Menschen hat das Beben tiefe Spuren hinterlassen.

Eine Situation hat sich Domres besonders eingeprägt: "Da hatte ein Kollege in der Klinik noch während des Bebens einen Patienten mit einer Messerstichverletzung versorgt. Und eben jenen Patienten hat er später tot aus den Trümmern bergen müssen." Das habe er ihm danach weinend erzählt.

STICHWORT

humedica

humedica ist eine christlich motivierte deutsche Hilfsorganisation, die vor 28 Jahren gegründet wurde. Der Verein arbeitet nur mit wenigen hauptamtlichen Mitarbeitern und leistet Hilfe unter anderem durch Sachspenden und durch Fachpersonal, seit 1999 auch durch Ärzteteams. Heute gehören ihm etwa 750 Ärzte, Pflegekräfte und andere Spezialisten an. Die Mitglieder müssen zuvor zwei Seminare absolvieren, um auf den Einsatz in Krisensituationen vorbereitet zu sein. Die Organisation hat seit ihrer Gründung bereits in über 90 Ländern humanitäre Hilfe geleistet.

Weitere Informationen im Internet: www.humedica.de

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