Ärzte Zeitung online, 01.08.2008

Ein neues Leben in Sicht dank transplantierter Arme

MÜNCHEN (dpa). Mehr als 15 Stunden hat der hoch komplizierte Eingriff gedauert, fünf Operationsteams waren gleichzeitig im Einsatz. Die weltweit erste Transplantation von zwei kompletten Armen ist Medizinern am Münchner Klinikum rechts der Isar gelungen.

Vor der Transplantation.

Foto: dpa / Klinikum rechts der Isar

Eine Woche nach dem Eingriff gehe es dem 54-jährigen Patienten "den Umständen entsprechend gut", teilten die Ärzte am Freitag mit. Bei der gut 15-stündigen Operation waren fünf Operationsteams mit mehr als 40 Kräften im Einsatz. Bei einem Arbeitsunfall waren dem Landwirt vor sechs Jahren beide Arme abgerissen worden.

Finger, Hände und Unterarme werden schon seit längerem erfolgreich transplantiert - mit der Verpflanzung von zwei kompletten Armen betraten die Münchner Mediziner jedoch Neuland (wir berichteten).

Nun kommt alles darauf an, dass der Körper des Mannes die neuen Arme nicht abstößt. Dagegen muss er dauerhaft bestimmte Medikamente einnehmen, sogenannte Immunsuppressiva. "Wir tragen eine große Verantwortung für den Patienten zeit seines Lebens", betonte Professor Hans-Günther Machens. Die Arme stammen von einem Verstorbenen, dessen Angehörige in die Transplantation einwilligten.

Die komplizierte Operation wurde unter der Leitung des plastischen Chirurgen Professor Edgar Biemer und seines Kollegen Dr. Christoph Höhnke vorgenommen. Sichtlich gerührt berichtete Höhnke vom ersten Besuch der Ehefrau des 54-Jährigen nach der Operation: Die Frau nahm spontan die Hände des Patienten und sagte: "Die sehen ja aus wie Deine." Vorerst sind die Arme noch ruhiggestellt. Nach Angaben der Ärzte wird - wegen des langsamen Wachstums der Nervenzellen - erst in knapp zwei Jahren feststehen, ob der Mann auch in den Händen wieder ein normales Gefühl haben wird.

Dem spektakulären Eingriff gingen jahrelange Vorarbeiten voraus. Zwar hätten die Chirurgen bereits Erfahrungen mit der Transplantation von Rattenbeinen und in anderen Tierversuchen mit Hunden gesammelt, sagt Höhnke, der zusammen mit seinem Kollegen Prof. Edgar Biemer die Operation leitete. Aber die komplizierte Transplantation habe man zuvor auch noch mit zwei Leichen aus der Anatomie der Klinik bis ins Detail üben müssen.

Dann musste nur noch ein männlicher Spender gefunden werden, der bei Alter, Hautfarbe, Größe und Blutgruppe zum Empfänger passte. Am Abend des 25. Juli war es soweit: Die Angehörigen eines Verstorbenen willigten in die Transplantation ein. Damit begann der Wettlauf der Ärzte mit der Zeit. Denn auch in gekühltem Zustand behält das Gewebe des Spenders ohne Durchblutung nur wenige Stunden seine volle Funktionalität. Hinzu kam, dass der Spender erheblich größer war als der Empfänger. "Wir mussten die Knochen in der richtigen Länge abschneiden", sagt der Unfallchirurg Professor Ulrich Stöckle. "Die knöcherne Heilung wird nun der kritische Punkt sein."

Der Eingriff sei eine große immunologische Herausforderung, weil sowohl Haut als auch Knochenmark bei Transplantationen zu starken Abstoßungsreaktionen neigten, erläuterten die Mediziner. Dagegen bekommt der Patient sogenannte Immunsuppressiva, die die Abwehrreaktionen des Körpers unterdrücken. Die müsse der Mann sein ganzes Leben einnehmen, denn auch die Abstoßung sei eine lebenslange Gefahr, sagt der Transplantationsmediziner Manfred Stangl. Wegen des langsamen Wachstums der Nervenzellen wird nach Angaben der Ärzte erst in knapp zwei Jahren feststehen, ob der Mann auch in den Händen wieder ein normales Gefühl haben wird.

Bis dahin braucht er starke Nerven. Ein solcher Eingriff und die Folgen seien immer eine sehr große emotionale Belastung, betont Prof. Reiner Gradinger. Aber der Patient sei "ein sehr gut geerdeter Mann, er hat eine Familie, die zu ihm hält", sagt die Transplantationspsychologin Sibylle Storkebaum. "Er ist ein sehr mutiger Mann."

Der Patient hatte sich nach einer ZDF-Talkshow von Johannes B. Kerner an die Münchner Klinik gewandt, die zur Technischen Universität München (TUM) - einer der bundesweit drei Exzellenz- Universitäten - gehört. In der Sendung hatte Biemer über Hand- und Unterarmtransplantationen gesprochen. Der Patient - nach Informationen der "Bild"vom Freitag) ein Bauer aus dem Allgäu - der mit den Armen in den Maishäcksler geraten war, fragte bei Biemer an, ob der ihm helfen könne. Nach der erfolgreichen Operation braucht der 54-Jährige nun Geduld in der Reha und weiterhin eine gehörige Portion Glück.

Informationen zum Thema Organspende:
Pateinteninformationen zur Organspende und -transplantation sowie Organspendeausweise zum Download
Deutsche Stiftung Organtransplantation
Fürs Leben - Für Organspende

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