Ärzte Zeitung online, 18.08.2008

Transplantationspsychologin für Mann mit den zwei neuen Armen

MÜNCHEN (dpa). Sibylle Storkebaum ist immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Hautnah ist sie dabei, wenn Patienten sterben, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan bekommen haben oder aber weil es nach einer Transplantation zu Komplikationen kam. Die 61-Jährige ist Transplantationspsychologin am Münchner Klinikum rechts der Isar.

Seit 15 Jahren betreut Storkebaum dort Patienten und deren Angehörige vor und nach einer Transplantation. Zu ihren Schützlingen gehört derzeit auch ein 54-jähriger Mann, dem Ende Juli in der Münchner Klinik - in einer weltweit bisher einmaligen Operation - beide Arme eines hirntoten Patienten übertragen worden waren (wir berichteten).

Dem Landwirt waren vor sechs Jahren bei einem Arbeitsunfall beide Arme abgerissen worden. Nach einer schwierigen Zeit mit zwei kurzen Armstümpfen und Misserfolgen mit Prothesen hofft er nun, mit den Armen des Toten seine frühere Lebensqualität weitgehend zurückzubekommen. Der Patient sei "ein sehr gut geerdeter Mann, er hat eine Familie, die zu ihm hält", sagt Storkebaum. Solch ein stabiles Umfeld sei wichtig für alle Transplantations-Patienten.

Ähnlich sieht das der Mediziner Dr. Christoph Höhnke. Die Patienten müssten "eine absolut starke Persönlichkeit haben", sagt der plastische Chirurg, der federführend an der Armtransplantation an der zur Technischen Universität München (TUM) gehörenden Klinik mitgewirkt hat.

Vor dem Eingriff bespricht Storkebaum ausführlich mit den Patienten, dass sie künftig ein Körperteil eines Hirntoten tragen werden. "Da muss der Patient ein Stück Trauer mittragen. Das besprechen wir ausführlich." Und sie bereitet den Patienten auf mögliche Äußerungen anderer vor, wonach für sein Wohlergehen ein anderer Mensch habe sterben müssen. Das sei natürlich Unsinn, sagt Storkebaum. "Gestorben ist da immer jemand, dessen Schicksal es war zu sterben." Und dessen Organ werde dem Patienten von einem Computer vermittelt, der im holländischen Ort Leiden stehe.

Storkebaum versteht sich nicht als glühende Fürsprecherin von Transplantationen. "Ich habe den Menschen zu helfen, die für sie richtige Entscheidung zu treffen." Und die richtige Entscheidung könne manchmal auch sein, lieber zu sterben als auf ein Spenderorgan zu warten. Aber das komme selten vor, sagt die Psychologin. "Die meisten sagen: Ich wage es."

Nach einer geglückten Transplantation komme es meist zu großen Emotionen, zu großer Dankbarkeit gegenüber dem Spender. "Viele lassen eine Messe lesen, andere zünden Kerzen an." Viele Patienten werben nach den Worten Storkebaums später für Organspenden und versuchen so, voller Dank etwas an die Gesellschaft zurückzugeben.

Die Psychologin - 1946 in Marburg an der Lahn geboren - war zunächst Journalistin, hatte beim "Darmstädter Echo" volontiert, dann in Paris Politikwissenschaft studiert und bei verschiedenen Medien gearbeitet. Sie schrieb Drehbücher und stand als Moderatorin unter anderem für den TV-Sender Sat.1 ("Ich bekenne") vor der Kamera. Dann aber habe sie noch einmal etwas ganz anderes machen wollen, sagt Storkebaum. Sie studierte in München Psychologie, schloss mit Diplom ab und bekam die damals neu eingerichtete Stelle am Klinikum rechts der Isar.

Ihre Arbeit ist von Höhen und Tiefen geprägt. Wenn die Transplantation gut verlaufe, könnten die Patienten fast wieder so leben wie früher, sagt sie. Denn die Medikamente zur Unterdrückung von Abwehrreaktionen des Körpers, die sogenannten Immunsuppressiva, seien sehr viel besser geworden. Ihre Arbeit ist manchmal aber auch Sterbebegleitung, wenn eine Transplantation nicht klappt. "Das ist schon sehr traurig, wenn jemand ganz lange gewartet hat und dann Freund Hein doch stärker ist als die ganze Hightech-Medizin", sagt Storkebaum. "Der Tod steht immer im Raum, und manchmal schlägt er unerwartet zu."

Storkebaum hat eine Patientin besonders in Erinnerung behalten ­ ein Mädchen, das mit 12 Jahren ein Herz bekam und dann mit 16 an Krebs starb. "Das war eine unglaubliche Person." Über die Leidensfähigkeit und die gleichzeitig unglaubliche Vitalität dieses Mädchens hat Storkebaum ein Drehbuch geschrieben. Vielleicht wird der Fall verfilmt, hofft sie, und fördert so die Bereitschaft zur Organspende.

Informationen zum Thema Organspende:
Pateinteninformationen zur Organspende und -transplantation sowie Organspendeausweise zum Download
Deutsche Stiftung Organtransplantation
Fürs Leben - Für Organspende

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