Donnerstag, 9. Februar 2012
Ärzte Zeitung, 28.01.2010

Individualisierte Immunsuppression im Test

Egal ob Niere, Leber oder Herz: Wer mit einem fremden Organ lebt, braucht eine effektive Immunsuppression. Nur: Wie viel ist effektiv? Daten aus Heidelberg deuten darauf hin, dass oft zu viel des Guten getan wird.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Individualisierte Immunsuppression im Test

Ein Operationsteam bei einer Nierentransplantation. Die Stärke der postoperativen Immunsuppression kann sich sehr unterscheiden. © dpa

HANNOVER. Die Resultate seiner Untersuchung hatten Professor Stefan Meurer vom Institut für Immunologie am Universitätsklinikum Heidelberg selbst überrascht: Als er bei Patienten nach Transplantation, die mit dem Calcineurin-Hemmer Ciclosporin A behandelt wurden, den Effekt der Immunsuppression nachmessen wollte, stellte er fest, dass unterschiedliche Patienten bei gleichen Ciclosporin-Serumspiegeln extreme Unterschiede dahingehend zeigten, wie sehr die Transkription immunologisch relevanter Moleküle wie IL-2 oder Interferon gamma unterdrückt wurde.

"Mit anderen Worten: Einige Patienten waren ganz erheblich immunsupprimiert, andere weit weniger", betonte Meurer auf der Falk Leber-Konferenz. In weiteren retrospektiven Untersuchungen fand er dann Hinweise darauf, dass jene Patienten, die eine ausgesprochen starke Immunsuppression aufwiesen, stärker zu Infektionen und auch zu Tumorerkrankungen neigten.

"Dieser Unterschied war hoch signifikant", so Meurer in Hannover. 85 Prozent aller Komplikationen traten bei jenen Patienten auf, bei denen die Transkriptionsaktivität (TRA) der relevanten Gene durch die Immunsuppression auf unter 15 Prozent gedrückt wurde. Wer darüber lag, hatte kaum Komplikationen.

Meurer entschied sich für eine erste klinische Studie. Bei 30 Patienten wurde die Ciclosporin-Therapie schrittweise zurückgefahren - unter ständiger Kontrolle des transplantierten Organs. Das Ziel war, die Transkription nicht komplett zu unterdrücken, sondern sie Bereich zwischen 15 und 35 Prozent der Ursprungsaktivität einzustellen. Das klappte: Nur bei einem Patienten, dessen Transkriptionsaktivität durch die Dosisverringerung über 35 Prozent rutschte, kam es zu einer leichten Abstoßung, die die Ärzte aber rasch wieder in den Griff bekamen.

In Heidelberg läuft eine prospektive Untersuchung, in der die Ciclosporin-Einstellung am TRA-Wert titriert wird. "Wir erwarten, dass die Patienten davon einen großen Nutzen haben", so Meurer. Ein Vorteil ist, dass der TRA-Wert leicht zu bestimmen und bei konstanter Ciclosporin-Dosis sehr konstant ist. Meurer: "Wir denken, dass es reichen würde, ihn einmal im Jahr zu messen."

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