Ärzte Zeitung, 28.05.2004

HINTERGRUND

Über häusliche Gewalt sprechen Patientinnen nicht von sich aus

Von Angela Mißlbeck

Ärzte sind oft die einzigen und meist die ersten Ansprechpartner für Frauen, die Gewalt erlitten haben. Doch kaum ein Arzt hat in Aus- oder Weiterbildung gelernt, was er bei einer Patientin beachten sollte, bei der er Gewaltanwendung hinter den Symptomen vermutet. Dafür zu sorgen, daß Ärzte besser auf den Umgang mit traumatisierten Patientinnen vorbereitet sind, hat sich das Projekt SIGNAL vorgenommen.

Über zwei Jahre lang wurde das Interventionsprojekt in der Erste-Hilfe-Station der Berliner Universitätsklinik Benjamin Franklin wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse sind erschütternd.

Von 806 Patientinnen, die befragt wurden, gaben 315 Frauen (39,1 Prozent) an, mindestens einmal mit körperlicher Gewalt konfrontiert gewesen zu sein. 162 Frauen (13,5 Prozent) hatten schon einmal sexuelle Gewalt erlitten. Mehr als die Hälfte dieser Gewalttaten fanden im familiären oder sozialen Umfeld der Frauen statt. Von 229 betroffenen Frauen gaben 145 gesundheitliche Folgen der Gewalterfahrung an (63,3 Prozent). 53,2 Prozent nannten psychische Folgen, 35,1 Prozent körperliche Folgen von häuslicher Gewalt.

Zahnverlust und Angstattacken können auf Gewalt deuten

      Alles, was Ärzten auffällt, sollten sie genau dokumentieren.
   

Hämatome und Prellungen, besonders im Kopfbereich, sollten Ärzte wachsam werden lassen. Außer Stich-, Schuß- und Brandverletzungen deuten auch Frakturen, Rupturen, Schürfwunden, Zahnverlust und Organverletzungen auf Gewalt als Ursache hin, so die Berliner Forscher.

Nicht nur akute, auch dauerhafte Beschwerden können ihren Grund in Gewalterfahrungen haben. Als "Red Flags" - Alarmzeichen - gelten gastrointestinale Beschwerden und Kopfschmerzen. Unter den psychischen Folgen rangieren Angstattacken mit Abstand vor Depressionen und einer allgemeinen psychischen Belastung. In diesen Fällen wird es für Ärzte erheblich schwieriger, Gewalt als Ursache zu erkennen, wenn die Patientin nicht von selbst darauf zu sprechen kommt.

Frauen wünschen sich, daß Ärzte nach Gewalt fragen

Spricht eine Patientin von sich aus Gewalt als Ursache ihrer Beschwerden an, sind Zweifel an der Ehrlichkeit völlig fehl am Platz. Den Studienergebnissen zufolge neigen die Frauen eher dazu, ihre Gewalterfahrungen als Unfälle zu tarnen.

Über häusliche Gewalt zu sprechen, fällt den Betroffenen ebenso schwer wie ungeschulten Ärzten. Die meisten Patientinnen, die Gewalt erlebt haben, wünschen sich deshalb, vom Arzt darauf angesprochen zu werden. So wundert es wenig, daß 63,9 Prozent der Befragten der Meinung sind, daß bei einer Anamnese generell nach erlebter Gewalt gefragt werden sollte. Nur 4,6 Prozent der betroffenen Frauen fänden diese Frage unnötig.

Möglichkeiten, wie Ärzte mit Patientinnen umgehen können, die Gewalt erlitten haben, zeigt unter anderem das Handbuch "Häusliche Gewalt gegen Frauen: gesundheitliche Versorgung", das im SIGNAL-Projekt entstanden ist. Darin wird Ärzten empfohlen, sehr behutsam vorzugehen, wenn sie Frauen auf einen Verdacht hin nach Gewalterfahrungen befragen.

Wichtig sei zunächst eine ungestörte, ruhige Atmosphäre, in der sich die Patientin geschützt fühlt. Das Gespräch kann der Arzt mit einer vorsichtigen, aber konkreten Frage eröffnen. Zum Beispiel: "Ihre Verletzungen könnten von einer anderen Person sein. Hat Sie jemand verletzt?"

Vermieden werden sollten Fragen nach den Auslösern der Gewalttaten, denn das kann Schuld- und Schamgefühle verstärken. Stattdessen sollten Ärzte lieber erklären, warum sie danach fragen, etwa: "Wir wissen, daß viele Frauen von Gewalt betroffen sind, und fragen daher alle Patientinnen, ob sie Mißhandlungen erlitten haben."

Im Handbuch wird geraten, den Frauen in jedem Fall mit Respekt zu begegnen und ihre Entscheidungen zu akzeptieren. Außerdem muß die Sicherheit der Frauen bedacht werden. Deshalb sollten Ärzte weitere Anlaufstellen empfehlen, bevor sie die Patientinnen entlassen.

Wichtig ist aber auch die medizinische Dokumentation der Befunde, für den Fall, daß die Frau sich entschließt, vor Gericht zu gehen. Dazu empfahl der Rechtsmediziner Professor Helmut Maxeiner von der Freien Universität Berlin bei einer Fachtagung des SIGNAL-Projekts, notfalls einen Gerichtsmediziner einzuschalten. Ansonsten gelte: "Überall hingucken, alles, was man sieht, genau aufschreiben, und am besten Fotos machen", so Maxeiner.

Das SIGNAL-Projekt stellt Dokumentationsbogen und Leitfaden zur Verfügung und bietet Schulungen zum Umgang mit gewaltbetroffenen Frauen an.

Weitere Informationen im Internet unter www.signal-intervention.de, www.bkfrauengesundheit.de, www.bmfsfj.de (unter Publikationen findet sich das SIGNAL-Handbuch)

FAZIT

Ärzte für den Umgang mit Frauen, die Gewalt erfahren haben, vorzubereiten, ist das Ziel des Interventionsprojekts SIGNAL. Hämatome, Frakturen, aber auch gastrointestinale Beschwerden und Angstattacken können auf Gewalt als Ursache deuten. Bei einem Verdacht sollten die Frauen vorsichtig, aber konkret danach gefragt werden, allerdings ohne die Auslöser der Gewalt anzusprechen. Wichtig ist in jedem Fall die genaue Dokumentation von allem, was man sieht. Am besten werden auch Fotos gemacht.

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