Ärzte Zeitung, 08.06.2004

HINTERGRUND

Schwangere brauchen Schutz gegen Windpocken - sonst sind schwere Komplikationen möglich

Von Wolfgang Geissel

Haben Schwangere mit unklarer Varizellenanamnese Kontakt mit Windpocken-Patienten, dann müssen sofort die Antikörper bestimmt werden. Foto: DAK/dpa

Besonders auch der Schutz von Schwangeren und ungeborenen Kindern vor Windpocken war für die Ständige Impfkommission (STIKO) ein Argument dafür, jetzt eine allgemeine Impfempfehlung aller Kinder gegen Varizellen auszusprechen.

So können bei Infektion ungeborener Kinder schwere Fehlbildungen auftreten, infizieren sich Kinder während der Geburt, dann stirbt jedes fünfte daran, und Schwangere im dritten Trimenon haben bei Varizelleninfektion ein hohes Risiko (10 bis 20 Prozent) für lebensbedrohliche Pneumonien.

Etwa drei bis vier Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter sind empfänglich für Varizellen, das heißt, sie haben weder durch Impfung noch durch eine vorangegangene Infektion eine Immunität erworben. Alle Frauen ohne Varizellenanamnese sollten geimpft werden, damit sie vor den schweren möglichen Komplikationen durch Varizellen während einer Schwangerschaft geschützt sind, betont Professor Peter Wutzler aus Jena.

Vorzugsweise sollten dabei Jugendliche, wenn sie das erste Mal den Frauenarzt aufsuchen, den Schutz erhalten. Die Varizellen-Impfung während einer Schwangerschaft ist mit der Lebendvakzine allerdings nicht möglich.

"Haben Schwangere mit negativer oder fraglicher Varizellenanamnese Kontakt mit einem Windpocken-Patienten, dann müssen unverzüglich die Virus-spezifischen Antikörper bestimmt werden", hat Wutzler bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie in Mainz betont. Seronegative Schwangere sollten dann sofort, spätestens binnen 72 (bis 96) Stunden, mit Varicella-Zoster-Immunglobulin behandelt werden.

"Das schützt zwar nicht das Kind, aber die Schwangere selbst vor schweren Verläufen", so Wutzler bei einer Veranstaltung, die von den Unternehmen GlaxoSmithKline und Aventis Pasteur MSD unterstützt worden ist. Bekommt eine Schwangere Windpocken, wird in jedem Stadium der Schwangerschaft eine Therapie mit Aciclovir empfohlen.

Erkranken Frauen in den ersten 24 Schwangerschaftswochen (SSW) zum ersten Mal in ihrem Leben an Varizellen, dann wird bei etwa 25 Prozent das Virus über die Plazenta auf das Kind übertragen. Dies kann zu einem Fetalen Varizellensyndrom mit Hautläsionen, neurologischen Defekten, Augenerkrankungen und Skelettanomalien führen, wie Wutzler berichtet hat. Bei drei bis acht Prozent der Frauen komme es zu einem Spontanabort.

Wutzler empfiehlt bei Windpocken in den ersten 24 SSW engmaschige sonographische Kontroll-Untersuchungen. Würden schwere Schäden beim Kind bemerkt, könne ein Abbruch angesprochen werden. Das Fetale Varizellensyndrom ist bei Infektionen nach der 24. SSW extrem selten, sagte Wutzler.

Jede fünfte bis zehnte werdende Mutter bekomme aber bei Erstinfektion im letzten Schwangerschafts-Trimenon eine lebensbedrohliche Pneumonie. Gefährlich fürs Kind sind zudem die neonatalen Varizellen. Erkrankt die Mutter binnen fünf Tagen vor der Geburt bis zwei Tage danach, dann kann es beim Kind zu generalisierten Windpocken kommen, jedes fünfte betroffene Neugeborene stirbt daran. Zur Prophylaxe werden direkt nach der Geburt Immunglobuline oder auch Aciclovir empfohlen. Eine Therapie der Kinder ist mit Aciclovir möglich.

FAZIT

Drei bis vier Prozent aller Schwangeren sind nicht gegen Windpocken immun. Haben werdende Mütter mit negativer oder fraglicher Varizellen-anamnese Kontakt mit einem Windpocken-Kranken, müssen unverzüglich Virus-spezifische Antikörper bestimmt werden. Bei Infekten in den ersten 24 Schwangerschaftswochen ist ein Fetales Varizellensyndrom möglich, bei Infekten um die Geburt generalisierte Windpocken. Schwangere selbst können durch Varizellen schwere Pneumonien bekommen.

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