Ärzte Zeitung, 21.07.2004

Inkontinenz-Episoden nehmen mit Duloxetin schon nach vier Wochen ab

Bei der Hälfte der Frauen läßt sich die Zahl der Episoden mindestens halbieren

MONTE CARLO (hsr). Frauen mit Streßharninkontinenz steht in wenigen Wochen mit Duloxetin ein neues wirksames und gut verträgliches Medikament zur Verfügung: Der Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer senkt die Zahl der Inkontinenz-Episoden um 52 Prozent, und die Lebensqualität der Patientinnen erhöht sich deutlich.

"Mit Duloxetin haben wir erstmals ein Medikament speziell gegen Streßharninkontinenz an der Hand, dessen gute Wirksamkeit auf die Verringerung der Symptomatik in kontrollierten Studien belegt worden ist", hat Professor Philip van Kerrebroeck auf einer Veranstaltung von Boehringer Ingelheim und Lilly in Monte Carlo berichtet.

Die Wirksamkeit wurde in vier Studien mit 1900 Frauen belegt

Der Neurologe aus Maastricht stellte dabei die Ergebnisse einer Metaanalyse von vier Studien vor. Über 1900 Frauen, die mindestens sieben Inkontinenz-Episoden in der Woche hatten, erhielten zwölf Wochen lang entweder zweimal am Tag 40 mg Duloxetin oder Placebo.

Erkennbare Verbesserungen traten bereits nach vier Wochen der Behandlung ein. Zum Abschluß der Untersuchungen waren elf Prozent der mit Duloxetin behandelten Frauen und sechs Prozent in der Placebo-Gruppe komplett kontinent. Die Zahl wöchentlicher Inkontinenz-Episoden verringerte sich mit der Substanz im Mittel um 50 bis 58 Prozent, mit Placebo um 27 bis 40 Prozent je nach Behandlung vor Studienbeginn, je nach zusätzlichen Maßnahmen wie Beckenbodentraining während der Studie und je nach Schwere der Erkrankung. Eine mindestens halbierte Frequenz erreichten mit dem Medikament 51 bis 52 Prozent und mit Placebo 34 Prozent der Frauen.

Die Inkontinenz-Frequenz sank um mehr als die Hälfte

Bei Frauen, die zu Studienbeginn eine schwere Streßharninkontinenz mit mindestens 14 Inkontinenz-Episoden in der Woche und wenigstens zwei ungewollten Harnabgängen am Tag hatten - das waren mehr als die Hälfte - sank die Inkontinenz-Frequenz mit der Arznei um 52 bis 58 Prozent, mit Placebo um 25 bis 42 Prozent. Die Zeit zwischen den Blasenentleerungen erhöhte sich mit dem Wirkstoff um eine Viertelstunde bis 20,4 Minuten, mit Placebo nur um 1,7 bis 8,5 Minuten.

Unerwünschte Wirkungen, meist Übelkeit, traten vor allem zu Therapiebeginn auf und ließen dann rasch nach.

Belastungsinkontinenz ist auch bei jungen Frauen häufig

Die Streß- oder Belastungsinkontinenz ist die häufigste Form der Harninkontinenz bei Frauen. Der unfreiwillige Abgang von Urin beim Niesen, Husten, Lachen und bei körperlicher Anstrengung wie Heben und Sport betrifft, so das Resultat einer multinationalen Befragung, nicht nur ältere, sondern auch jüngere Frauen: Danach haben zwei von fünf der 35- bis 54jährigen und ein Viertel der 18- bis 44jährigen diese Symptome.

Doch mehr als die Hälfte von ihnen bespricht das Problem weder mit Freunden und Angehörigen noch mit ihrem Arzt - teils aus Scham oder weil sie die Erkrankung für eine normale Alterserscheinung halten. Dabei läßt sich die Miktion mit konservativen Methoden wie frühzeitigem Training der Beckenbodenmuskulatur oder chirurgischen Verfahren, zum Beispiel dem Einlegen einer spannungsfreien Vaginalschlinge (TVT - tension-free vaginal tape), erfolgreich kontrollieren.

Wirksame medikamentöse Hilfe bei Streßinkontinenz erhofft sich Professor Walter Artibani aus Verona jetzt von Duloxetin. Der italienische Urologe hält die Studienergebnisse zu der Substanz für "sehr vielversprechend". Das Medikament erhöht die Serotonin- und Noradrenalinkonzentration und verstärkt damit sowohl Tonus als auch Kontraktion des Sphincter urethrae externus. Zudem entspannt es auch den Blasendetrusor. Die Zulassung bei Harninkontinenz wird in Kürze erwartet. Klinisch erprobt wird Duloxetin derzeit außerdem bei Depressionen. (hsr)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »