Ärzte Zeitung, 23.09.2004

Fit, durchtrainiert und selbstbewußt durch Bauchtanz

Choreographie als Ausdauertraining / Ideale Bewegungsform für Schwangere und Frauen mit Rückenbeschwerden

Wie man sich zu orientalischer Musik richtig bewegt, zeigt Amira Helm (rechts) der 20jährigen Ilka in der Bauchtanzschule in Frankfurt (Oder). Fotos: dpa
Ein Star in Ägypten: Die Bauchtänzerin Dina beim fünften internationalen Bauchtanzfestival in Kairo.

Bei Bauchtanz denken viele an leicht bekleidete, dunkelhaarige Frauen, die ihre Hüften schwingen, um einen Mann zu verführen. "Doch Bauchtanz ist nicht in erster Linie ein sexuelles Vorspiel", sagt die Düsseldorfer Psychologin und Bauchtanzexpertin Anette Paffrath.

Wenn sie diese Tanztechniken lernen, bekommen Frauen ein neues Körperbewußtsein. "Gerade wir Westeuropäer sind sehr steif, wir bewegen uns nicht weich und fließend", sagt Anette Paffrath, die selbst lange Bauchtanz unterrichtet hat. Aber nur wer lerne, seine Wirbelsäule zu bewegen, könne auch anmutig tanzen.

"Das kann anfangs frustrierend sein, denn es ist gar nicht so einfach einen Zugang zu der Muskulatur und den Bewegungsabläufen zu finden", sagt sie. Anfängern empfiehlt sie zu Beginn jeder Stunde Übungen zur Lockerung der einzelnen Muskelgruppen. Dabei bemerkten viele Frauen überhaupt erst den Unterschied zwischen einer entspannten und einer angespannten Haltung. Diese Körperübungen zu Beginn werden teilweise auch in Rückenschule trainiert. Der eigentliche Tanzteil enthält viele Aspekte der Musik- und der Tanztherapie.

Auch in psychologischer Hinsicht lernen Frauen beim Bauchtanz, loszulassen. "Manche müssen sich mit den Bewegungen erst anfreunden und Ängste und Hemmungen überwinden", so Anette Paffrath. Denn wer intensiv Bauchtanz betreibt, wird spüren, wie der eigene Körper im Beckenbereich warm und vital wird. "Eine Empfindung, die viele nur in einem erotischen Zusammenhang kennen." Sind die Anfangshürden jedoch überwunden, mache Bauchtanz Frauen jeden Alters Spaß, sagt die Psychologin.

Die Ägypterin Dandash (vorne rechts) übt mit den Teilnehmerinnen eines Bauchtanzworkshops beim fünften internationalen Bauchtanzfestival in Kairo.

"Viele tauen richtig auf und werden durch den Unterricht selbstbewußter", weiß auch Jutta Tiedge. Sie betreibt in Köln ein Tanzstudio und tritt unter dem Künstlernamen Hayat als orientalische Tänzerin auf. Sie beginnt jede Unterrichtsstunde mit einer entspannten Gesprächsrunde. "Wir trinken einen Tee, besprechen, welche Kleidung sich für das Training eignet oder woher die Musik stammt zu der getanzt wird", erzählt sie. Für das Training eignen sich keine goldbestickten Kostüme, sondern einfache Sportkleidung wie Leggins und ein dehnbares T-Shirt. Benötigt wird außerdem ein Tuch, das um die Hüfte geschlungen wird.

Nach einigen Aufwärmübungen lernen die Teilnehmerinnen spielerisch die charakteristischen Gleitbewegungen des Bauchtanzes. "Wir beginnen mit dem Kopf und gehen langsam über zu Oberkörper und Hüften", erläutert Jutta Tiedge. Anschließend folgen Übungen, um isolierte Bewegungen zu trainieren. "Zappeln kann jeder, doch nur mit den Schultern zu wackeln muß gelernt werden." Wer dies beherrsche, werde eine bewußtere Beziehung zum eigenen Körper entwickeln. Zum Abschluß jeder Stunde läßt sie stets noch etwas Zeit, in der frei getanzt wird.

Auch als Fitnesstraining eignet sich Bauchtanz. Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse hat festgestellt: Gerade für Anfänger ist Bauchtanz ein hervorragend geeignetes Muskeltraining, das zugleich auch koordinierte Bewegungen trainiert. In einer Studie hat der Leiter des Gesundheitszentrums der Sporthochschule in Köln untersucht, welche Muskeln beim Bauchtanz aktiviert werden und wie sich das Training auf die Herz-Kreislauf-Aktivität auswirkt.

Es zeigte sich, daß schon ein regelmäßiges, sanftes Training einen kräftigenden Effekt auf die Bauch- und Gesäßmuskeln hat. Je nach Tanzart werden auch die Muskeln in den Beinen und im Oberkörper trainiert. Eine fünf- bis zehnminütige Choreographie mit höherem Tempo ist zudem auch ein Ausdauertraining für Herz und Kreislauf.

Orientalischer Tanz wird denn auch zunehmend als eine Form der Gesundheitsbildung für Frauen betrieben. Vor allem bei Rückenbeschwerden oder für Schwangere ist diese Bewegungsform geeignet. Allerdings wenden sich viele Repräsentantinnen gegen das Image des reinen Animationstanzes. Statt "Bauchtanz" ziehen sie auch die Bezeichnung "Orientalischer Tanz" vor.

Außerdem sollten die Kurse entsprechend dessen, was sie für die Gesundheit der Teilnehmerinnen leisten, gleichwertig mit anderen Randarten der Gesundheitsbildung wie Tai Chi, Qui Gong oder Yoga beurteilt werden, fordert etwa die Krankengymnastin Annette Bistreck aus Frankfurt/Main, die selbst orientalischen Tanz unterrichtet. (Judith Csaba/eb)

Infos im Internet gibt es bei den Adressen : www.bauchtanzinfo.de, www.tanzoriental.com und www.tanzinfo.de

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