Ärzte Zeitung, 30.11.2004

Koalition gegen Pflichtberatung von Schwangeren

Rot-Grün fordert Ausbau der psychosozialen Beratungsangebote für werdende Eltern bei medizinischer Indikation

BERLIN (hak). Im Unterschied zur Union wollen die Koalitionsfraktionen psychosoziale Beratungsangebote bei Schwangerschaftsabbrüchen nach medizinischer Indikation lediglich ausbauen, aber nicht zur Pflicht erheben.

"Wir würden sonst die Schwangeren entmündigen", begründete Erika Ober einen entsprechenden Antrag von Rot-Grün. Es sei zwar sinnvoll, die Beratungsangebote für Frauen zu verbessern. Schwangere aber zur Teilnahme zu zwingen, würde dem Frauenbild der Regierung widersprechen, sagte Ober der "Ärzte Zeitung".

Die Union hatte Mitte November einen Antrag in den Bundestag eingebracht, der das Ziel verfolgte, Spätabtreibungen nach medizinischer Indikation zu erschweren (wir berichteten). Einer pränatalen Diagnostik soll danach ein fachkundiges Beratungsgespräch mit einem Arzt vorausgehen. Die medizinische Beratung solle um eine psycho-soziale erweitert werden.

Die Kassen sollen für die pränatale Diagnostik nur dann die Kosten übernehmen, wenn die Schwangere sich in dieser Weise beraten läßt. Dagegen fordern die Regierungsfraktionen, werdenden Eltern eine unabhängige psychosoziale Beratung anzubieten, wenn eine medizinische Indikation vorliegt. Es sei hilfreich, Paaren dieses Angebot zu machen, damit sie sich ein eigenes Urteil bilden und selbstbestimmt Entscheidungen treffen können, heißt es in dem Antrag von SPD und Grünen.

Bei gewünschten Schwangerschaften sei die Mitteilung über die Behinderung, Erkrankung oder Beeinträchtigung des Kindes "in der Regel ein Schock für die betroffenen Eltern". Die Richtlinien der Bundesärztekammer zur pränatalen Diagnostik seien so zu überarbeiten, daß eine adäquate Aufklärung und Beratung sowohl vor wie nach der PND gewährleistet ist, so die Koalitionsfraktionen.

Hinter dem Antrag von Rot-Grün steht die Erkenntnis, daß pränatale Diagnostik nicht zu vermehrten Schwangerschaftsabbrüchen führt. Im Gegenteil: Laut Statistischem Bundesamt sinkt die Zahl medizinisch indizierter Schwangerschaftsabbrüche trotz besserer Diagnostik kontinuierlich.

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