Ärzte Zeitung, 11.10.2005

Bei Schwangeren wird Brustkrebs zu oft sehr spät erkannt

Von den ersten Symptomen bis zur Diagnose dauert es im Mittel über acht Monate / Betroffene haben meist eine relativ gute Prognose

STUTTGART (ars). Brustkrebs ist mittlerweile die häufigste Krebserkrankung bei Schwangeren. Insgesamt werden zwei Prozent der primären Mamma-Karzinome bei Schwangeren diagnostiziert. Die Prognose der Betroffenen ist meist sogar besser als die von Nichtschwangeren mit Brustkrebs.

Bei Schwangeren gehören Brustuntersuchungen nicht zur Vorsorge, bedauern Senologen. Foto: Photodisc

Da die Rate von Brustkrebs mit dem Alter steigt, wird die Diagnose künftig noch öfter in der Schwangerschaft gestellt werden, sagt Dr. Sibylle Loibl aus Frankfurt/Main. Denn das Durchschnittsalter der Erstgebärenden (derzeit 30 Jahre) verschiebt sich immer weiter nach hinten.

Die Tumore sind bei der Diagnose meist schon groß

Eigentlich müßte die Prognose bei Schwangeren mit Brustkrebs relativ schlecht sein, sagte Loibl bei der 25. Jahrestagung der Deutschsprachigen Fachgesellschaften für Senologie in Stuttgart. So steht es mit der Früherkennung nicht gerade zum Besten: Von den ersten Symptomen bis zur Diagnose dauert es durchschnittlich 8,2 Monate, bei Nichtschwangeren dagegen nur 1,9 Monate.

"Leider gehört die Brustuntersuchung nicht zur Vorsorge", so Loibl. Entsprechend sind die Tumoren bei der Diagnose relativ groß und weit fortgeschritten, und 50 bis 80 Prozent der Betroffenen haben befallene Lymphknoten.

Ungünstig ist ferner, daß die Tumoren zu 84 Prozent und damit häufiger als bei Nichtschwangeren schlecht differenziert sind und daß sie ebenfalls häufiger - zu zwei Dritteln - keine Hormonrezeptoren besitzen. HER2/neu-Rezeptoren dagegen kommen etwa gleich oft wie bei den übrigen Frauen vor, und zwar bei knapp einem Drittel. Unvorteilhaft ist auch, daß die Östrogen- und Progesteronspiegel in der Schwangerschaft hoch sind, daß sich immunologische und Wachstumsfaktoren ändern und zudem eine vermehrte Vaskularisation besteht.

Erstaunlicherweise wirken sich die Nachteile nicht negativ aus: Im Gegenteil ergaben die meisten Studien sogar eine etwas höhere Überlebensrate als bei Nichtschwangeren mit Brustkrebs. So lebten zehn Jahre nach der Diagnose noch 86 Prozent der Frauen, die als Schwangere erkrankt waren, aber nur noch 74 Prozent in der Vergleichsgruppe. Besonders ausgeprägt war der Unterschied in den Sterberaten zugunsten der Frauen mit Brustkrebsdiagnose während der Schwangerschaft, wenn die Lymphknoten noch nicht befallen waren.

"Die geringere Sterberate geht wohl einerseits auf Antikörper zurück, die das Immunsystem stärken, und andererseits auf psychologische Einflüsse: Die Mütter setzen alles daran, ihre Kinder zu betreuen und aufwachsen zu sehen, Helping-mother-Effekt genannt", interpretierte Dr. Irene Thiel aus Graz die Daten.

Warum die Diagnose bei Schwangeren so lange verschleppt wird, ist nach Angaben von Thiel nicht recht einsichtig: Auch in der Schwangerschaft kann ein Tastbefund jederzeit mit einer Ultraschalluntersuchung abgeklärt werden. Eine Mammographie ist ebenfalls möglich, denn sie schlägt mit nur etwa 0,01 mGy zu Buche, die minimale Strahlendosis aber, die beim Kind zu Fehlbildungen führen könnte, liegt bei 50 bis 100 mGy.

Allerdings ergibt ein Viertel der Aufnahmen bei Schwangeren keinen Befund, obwohl Brustkrebs vorliegt. Daher ist es wichtig, jede knotige Struktur mit einer Biopsie abzuklären. Eine weitere Option ist die MRT, für die in der Schwangerschaft zwar nur spärliche Daten vorliegen, die aber für Mutter und Kind sicher zu sein scheint.

Eine Knochenszintigraphie jedoch sollte man möglichst vermeiden. Gegen das Wächterlymphknoten-Verfahren, bei dem zunächst nur ein Achsellymphkonten stellvertretend für die anderen zur Diagnostik entfernt wird, gibt es keine Einwände, ebenso verläuft die Op bei Schwangeren meist ohne Komplikationen.

Zur adjuvanten Chemotherapie eignen sich Doxorubicin, Cyclophosphamid und Fluorouracil, die bei Gabe im zweiten und dritten Trimenon die Prognose der Kinder nicht verschlechtern: Die Abortrate ist nicht erhöht, das Geburtsgewicht normal, die Wachstumsretardierung gering.

Nur bei einer Chemotherapie im ersten Trimenon steigt die Teratogenität von drei auf 16 Prozent. Zur Behandlung mit Taxanen und dem monoklonalen Antikörper Trastuzumab (Herceptin®) liegen wenig Daten vor, Methotrexat ist kontraindiziert, Tamoxifen- und Radiotherapie sollten nach der Geburt erfolgen.

Mit weiterer Schwangerschaft sollte etwas gewartet werden

Einer zweiten Schwangerschaft steht bei Patientinnen, bei denen während der ersten Schwangerschaft ein Mamma-Ca diagnostiziert wurde, grundsätzlich nichts im Wege, allerdings ist die Prognose um so günstiger, je länger die Frauen damit warten: Thiel rät ihnen zu einem Abstand von mindestens einem Jahr.

Ebenso sollten Frauen nach einer Tamoxifen-Therapie ihren Kinderwunsch noch eine Weile hinausschieben: Der Wirkstoff wird zwar binnen acht Wochen aus dem Körper geschwemmt, aber wie lange sich die teratogene Wirkung hält, ist unbekannt. Thiel empfiehlt, nach Therapie mit dem Anti-Östrogen einige Monate eine Schwangerschaft zu vermeiden.

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