Ärzte Zeitung, 07.10.2005

HINTERGRUND

Die Vorstellung, daß Schwangere den Schongang einlegen müssen, gehört in die Mottenkiste

Von Ruth Ney

Regelmäßiger Sport in der Schwangerschaft beugt zum Beispiel Rückenschmerzen vor. Foto: Techniker KK

Müssen Frauen ihre Sportschuhe in die Ecke stellen, wenn sie schwanger sind? Nein, so die einhellige Meinung von Frauenärzten heute. Werden ein paar grundsätzliche Regeln beachtet, profitieren Schwangere sogar von regelmäßigen sportlichen Aktivitäten.

"Die Vorstellung, daß Schwangere den Schongang einlegen müssen, gehört in die Mottenkiste", stellt zum Beispiel die Gynäkologin Dr. Eva-Maria Lochmüller von der LMU München fest (MMW 16, 2005, 288).

Als Vorteile für sportlich aktive Schwangere zählt sie eine geringere Gewichtszunahme auf, die Vorbeugung von Haltungsschäden und Rückenschmerzen sowie von Varizen und Thrombosen. Vor allem Frauen mit Gestationsdiabetes profitierten von regelmäßiger Bewegung, wie Studiendaten belegten. Eine dadurch verbesserte Insulinsensitivität und Glukoseausnutzung resultierten nämlich in entsprechend guten Blutzuckerwerten.

Leistungssportlerinnen müssen gezielt betreut werden

Welcher Sport in welchem Ausmaß betrieben werden sollte, hängt davon ab, wie fit und sportlich die Frauen bereits vor der Schwangerschaft waren. So können sportliche Frauen bei unkomplizierter Schwangerschaft ein aerobes Training meist ohne große Einschränkungen fortführen.

Neu-Einsteigerinnen sollten mit Trainingseinheiten von 15 Minuten, etwa dreimal pro Woche beginnen. Dies könne dann im zweiten Trimenon bis auf fünfmal wöchentlich 30 Minuten erhöht werden. Leistungssportlerinnen, die ihr Training und ihre Wettkampfaktivitäten fortsetzen möchten, müssen von spezialisierten Ärzten überwacht und beraten werden.

Prinzipiell gibt es nach Auskunft vom Lochmüller keine Hinweise, daß maßvolle Aktivität, etwa langsames Joggen, bei normaler Schwangerschaft negative Auswirkungen auf Entwicklung des Fetus und Schwangerschaftsverlauf hat. So wurde bei Untersuchungen der fetalen Herzfrequenz zwar eine Bradykardie bei maximaler Anstrengung nachgewiesen.

Dies war jedoch nur vorübergehend und blieb ohne weitere Folgen. Generell kann davon ausgegangen werden, daß eine körperliche Überanstrengung vermieden wird, solange eine Schwangere während des Trainings eine verbale Konversation ohne Kurzatmigkeit und Dyspnoe führen könne.

  Solange ein Schwätzchen möglich ist, ist der Sport nicht zu anstrengend.
   

Als besonders geeignet empfehlen Gynäkologen Sportarten mit kontinuierlicher Belastung wie Schwimmen, Laufen - vor allem Walking - , Aerobic und Radfahren - am besten Radergometer. Sogar Übungen im Fitneßstudio oder gemäßigte Kraftübungen sind nach Ansicht von Lochmüller nicht tabu, solange auf schwere Gewichte und maximale Kraftanstrengungen verzichtet werde.

Außerdem sollten ab dem zweiten Trimenon Übungen in Rückenlage und Bauchmuskelübungen vermieden werden. Bis in die letzten Schwangerschaftswochen hinein sind vor allem Aktivitäten im Wasser gut möglich, denn die Auftriebskraft schont die Gelenke, und die Häufigkeit von Rückenschmerzen wird gemindert.

Außerdem habe der kühlende Effekt einen positiven Effekt auf die Thermoregulation, so Lochmüller. Die häufig geäußerte Furcht vor einer Zunahme an Harnwegs- oder Scheideninfektionen sei zudem unbegründet, wie Studien belegten.

Sport mit viel Körperkontakt ist für Schwangere ungeeignet

Wenig geeignet sind hingegen Kampfsportarten und Mannschaftssportarten, die eine hohe Wahrscheinlichkeit für Körperkontakte mit sich bringen wie Handball oder Hockey, sowie Sportarten mit erhöhtem Sturzrisiko (Reiten etwa) und solche mit abrupten Bewegungsabläufen (etwa Squash). Gänzlich kontraindiziert ist Gerätetauchen.

Als Faustregel für die maximale Belastung rät Lochmüller Schwangeren unter 20 Jahren eine Herzfrequenz-Zielzone zwischen 140 und 155 Schlägen pro Minute. 20- bis 29jährige sollen 135 bis 150 Schläge/min, 30- bis 39jährige 130 bis 145 Schläge/min und ältere Frauen 125 bis 140 Schläge/min nicht überschreiten. Auch auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr - und zwar vor, beim und nach dem Sport - sollte unbedingt geachtet werden.

Warnsignale, bei denen die sportliche Betätigung beendet werden muß, sind: Schwindel und Übelkeit, Brustschmerzen, vaginale Blutungen, Unterleibsschmerzen oder vorzeitige Wehentätigkeit sowie verminderte Kindsbewegung.

Wann Sport für Schwangere tabu ist

Kontraindikationen für Sport in der Schwangerschaft sind:

  • hämodynamisch wirksame Herzerkrankungen
  • restriktive Lungenerkrankung
  • Zervixinsuffizienz
  • Mehrlingsschwangerschaft
  • anhaltende vaginale Blutung
  • Placenta praevia
  • vorzeitige Wehentätigkeit
  • schwangerschaftsinduzierte Hypertonie und Präeklampsie
  • schwere Anämie
  • extremes Über- oder Untergewicht
  • intrauterine Wachstumsretardierung

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