Ärzte Zeitung, 24.11.2005

Glukosetest für alle Schwangeren empfohlen

Zwei neue Studien belegen: Wird ein Gestationsdiabetes spät erkannt, steigt das Risiko für Schäden bei Neugeborenen

WIESBADEN (hbr). "Es wird immer wieder gesagt, es gebe zu wenig Studien zum Gestationsdiabetes, die evidenzbasierten Kriterien entsprechen", sagt Professor Alexandra Kautzky-Willer aus Wien. Jetzt gibt es gleich zwei, die den Nutzen einer Therapie bei Schwangerschafts-Diabetes belegen.

Ein Arzt kontrolliert bei einer Schwangeren den Blutglukose-Spiegel. Foto: DAK

Eine davon stammt aus Österreich. In ihr erhielten 1110 Frauen eine Behandlung wegen Gestationsdiabetes. Bei 555 weiteren Frauen dagegen wurde der Diabetes erst in der 38. Woche bekannt. Sie erhielten daraufhin keine Therapie mehr, sondern wurden innerhalb weniger Tage entbunden.

Bei den Neugeborenen der unbehandelten Schwangeren traten bis zu viermal häufiger Komplikationen wie Unterzuckerung, Lungenprobleme und Schulterdystokie auf als bei den behandelten Frauen. Bei einer Schulterdystokie kommt der Kopf des Kindes bei der Geburt heraus, die Schulter bleibt aber im Geburtskanal stecken.

Ähnliches ergibt sich aus einer britisch-australischen Doppelblind-Studie mit 1000 Frauen. Die 500 Patientinnen der ersten Gruppe hatten einen Schwangerschafts-Diabetes und wurden aufgrund ihres Diabetes behandelt. Weitere 500 Patientinnen absolvierten zwar einen oralen Glukosetoleranz-Test (OGTT).

Ihre Ergebnisse blieben aber unter Verschluß - eine Diabetestherapie bekamen die betroffenen Frauen nur dann, wenn ihr Arzt erhöhte Glukosewerte vermutete und den OGTT selbst noch einmal veranlaßte.

Schwere Komplikationen ohne Therapie viermal häufiger

Das Ergebnis: Der kombinierte Endpunkt aus schweren Komplikationen - Schulterdystokie, Fraktur, Plexuslähmung und Tod - trat in der nicht behandelten Gruppe viermal häufiger auf als in der Interventionsgruppe. Außerdem wurden in der Therapiegruppe signifikant weniger makrosome Babies geboren, sagte Kautzky-Willer beim Donau-Symposium in Wiesbaden.

Die behandelten Mütter selbst hatten nach der Geburt eine signifikant bessere Lebensqualität und weniger Depressionen. Warum bei ihnen aber die Geburt häufiger eingeleitet wurde als bei Frauen ohne Therapie, ist bisher unklar.

Glukosetoleranz-Test in der 24. bis 28. Woche ratsam

Kautzky-Willer empfiehlt, alle schwangeren Frauen in der 24. bis 28. Woche mit einem Toleranztest mit 75 g Glukose auf einen Gestationsdiabetes zu testen. Denn auch von den Frauen, die keine Risikofaktoren wie eine gestörte Glukosetoleranz oder ein Kind mit einem Geburtsgewicht über 4 kg haben, entwickeln bis zu 28 Prozent einen Gestationsdiabetes.

Behandelt wird, wenn beim Test einer oder mehrere der folgenden Werte zu hoch ausfallen: bei einem Nüchternblutzucker ab 90 mg/dl, eine Stunde postprandial ab 180 mg/dl oder zwei Stunden postprandial ab 155 mg/dl.

STICHWORT Aus dem Springer Lexikon Medizin

Gestationsdiabetes

Als Gestationsdiabetes wird eine gestörte Glukosetoleranz bezeichnet, die während der Schwangerschaft auftritt. Sie kann bereits vor der Schwangerschaft bestehen oder eine Erstmanifestation darstellen. 50 Prozent der Frauen mit einer Erstmanifestation eines Gestationsdiabetes entwickeln innerhalb der nächsten 15 Jahren einen Diabetes mellitus. Ein oraler Glukosetoleranz-Test wird meist nur bei Frauen mit Risikofaktoren in der Anamnese gemacht. Dazu gehören eine vorhergehende Geburt mit einem makrosomen Kind, einem Kind mit Fehlbildungen, einer Totgeburt oder einem habituellen Abort. Auch Übergewicht der Mutter ist dafür eine Indikation.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hypertonie in jungen Jahren erhöht Risiko für den Nachwuchs

Das Alter, in dem sich ein Bluthochdruck manifestiert, beeinflusst nicht nur die persönliche Prognose eines Patienten, sondern wohl auch das Erkrankungsrisiko seiner Kinder. mehr »

Medienanamese künftig Bestandteil der U-Untersuchungen?

Schon bei Babys und Kleinkindern machen sich die Folgen übermäßigen Medienkonsums bemerkbar. Das geht aus der neuen BLIKK-Studie hervor. Pädiater reagieren besorgt. mehr »

Deutsche überschätzen Ebola-Gefahr und unterschätzen Masern

Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen meist große globale Bedrohungen wie Ebola und Zika. Doch Experten haben ganz andere übertragbare Erkrankungen im Visier. mehr »