Ärzte Zeitung, 17.11.2006

HINTERGRUND

Schwangerschaften bei Teenagern - sind Vorwürfe an die jungen Eltern wirklich berechtigt?

Von Christiane Inholte

Wenn es um Sexualität geht, war wohl noch keine Generation so früh und so umfassend aufgeklärt wie die Jugendlichen von heute. Der Sexualkundeunterricht beginnt schon in der Grundschule, alles weitere findet sich ausführlich in Ratgebern, Jugendzeitschriften, Fernsehsendungen oder im Internet. Wie kann es aber sein, daß die Zahl der Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen heute höher ist als Mitte der 90er Jahre?

Eine 18jährige mit ihrem Kind. In Deutschland werden statistisch 16 von 1000 jungen Frauen im Alter von 15 bis 19 Jahren schwanger. Foto: ddp

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben sich zwischen 1996 und 2003 insgesamt 7645 Frauen unter 18 Jahren zu einem Schwangerschaftsabbruch entschlossen. Das waren 3000 mehr als im vergleichbaren Zeitraum vor 1996. In Rheinland-Pfalz wurde 1996 bei 403 Teenagern eine Schwangerschaft abgebrochen, acht Jahre später waren es bereits 600, eine Steigerung um 50 Prozent. In Niedersachsen wurde der gleiche Trend registriert (1014 zu 1560).

Im EU-Vergleich sind Teenager bei uns selten schwanger

Allerdings sind Teenager-Schwangerschaften in Deutschland im EU-Vergleich selten. So werden beispielsweise in Großbritannien von 1000 jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren statistisch gesehen 47 schwanger, in Deutschland sind es 16. Diese Zahlen wurden kürzlich bei einer Konferenz der Weltgesundheitsorganisation zur Sexualaufklärung Jugendlicher in Köln bekannt gegeben. Inzwischen ist die Zahl der Abbrüche in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leicht rückläufig. Wenn es aber darum geht, das Mißverhältnis zwischen gut aufgeklärten Jugendlichen und den Folgen einer mangelnden Verhütung zu erklären, ist die Ratlosigkeit groß.

Der damals noch rot-grünen Bundesregierung lagen über die Gründe für die Zahl der steigenden Teenagerschwangerschaften und -schwangerschaftsabbrüche Anfang 2005 keine Erkenntnisse vor. Das geht aus der Antwort zu einer parlamentarischen Anfrage der Unionsfraktion hervor.

Für den Sexualwissenschaftler Norbert Kluge von der Universität Landau ist ein Grund die immer früher einsetzende Geschlechtsreife. Mädchen bekämen heute im Durchschnitt mit elfeinhalb Jahren ihre erste Menstruation. Viele seien sogar schon mit neun oder zehn Jahren geschlechtsreif - ein Alter, in dem frühere Generationen mit Barbie und Ken die Annäherung an das andere Geschlecht spielerisch erkundeten. Entsprechend der früheren Geschlechtsreife würden auch frühzeitiger sexuelle Kontakte geknüpft, sagt Kluge.

Das "erste Mal" werde denn auch von den meisten Teenagern als ungeplant und spontan empfunden. Teenager in Deutschland wissen zwar theoretisch eine Menge über Sex und die möglichen Folgen des Geschlechtsverkehrs, setzten ihr Wissen aber nicht um.

Dieser Vorwurf an deutsche Teenager spielt in den Augen von Marita Völker-Albert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nur bedingt eine Rolle, wenn Erklärungen für Schwangerschaften in jungen Jahren gesucht werden. "Es gibt Jugendliche, die haben eine grobe Vorstellung von Sexualität, aber ihnen fehlt das Detailwissen. Das ist aber nicht der alleinige Grund für Teenager-Schwangerschaften", so Völker-Albert.

Natürlich gebe es auch Jugendliche, die wenig über Sexualität und die Folgen von ungeschütztem Geschlechtsverkehr aufgeklärt seien. "Etwa 50 Prozent der Schwangeren stammen von Hauptschulen oder aus sozial benachteiligten Familien," sagt Völker-Albert. "Es sind aber noch andere Aspekte von Bedeutung."

Einige Betroffene hätten sich sicher gefühlt, aber es seien Fehler bei der Verhütung passiert, etwa bei der Einnahme der Pille oder der Handhabung des Kondoms. Manchen Mädchen fehle auch das Selbstbewußtsein, den Schutz einzufordern.

Schwangerschaft als Flucht aus schwierigen Verhältnissen

"Es gibt aber auch diejenigen, die sich mit der Schwangerschaft den Wunsch nach einem glücklicheren Familienleben erfüllen möchten. Jugendliche aus vernachlässigten Familienverhältnissen etwa, die in der Schwangerschaft die Lösung für ihre Probleme erhoffen", berichtet Völker-Albert. Sie weist darauf hin, daß die Bundeszentrale für Jugendliche Aufklärungsangebote bereit halte.

Dazu zähle etwa das Internetportal www.loveline.de, in dem sich Jugendliche anonym informieren können. Darüber hinaus gibt es speziell auf Ärzte, Lehrer oder Erzieher zugeschnittene Medienpakete, die kostenlos bei der Bundeszentrale bestellt werden können. So etwa die Broschüre "Expertinnen in eigener Sache", die spezielle Tips für Ärzte im Umgang mit Teenies bereit hält.

Weitere Informationen finden Sie unter www.bzga.de

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