Ärzte Zeitung, 19.02.2007

HINTERGRUND

Finanzielle und rechtliche Hürden lassen den Traum von einem Retortenbaby oft zerplatzen

Von Nicola Siegmund-Schultze

Die Entwicklung der In-vitro-Fertilisation (IvF) in Deutschland liest sich wie eine Erfolgsstory: Allein in den Jahren von 1997 bis 2005 sind in Deutschland nahezu 100 000 Kinder durch künstliche Befruchtung gezeugt worden. Das Deutsche In-vitro-Fertilisations-Register (D.I.R.) weist 93 667 Lebendgeburten für diesen Zeitraum aus.

Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Mit der Haltepipette wird die Eizelle angesaugt. Die Injektionspipette injiziert ein Spermium in die Eizelle. Foto: epd

Hinzu kommen die IvF-Kinder aus den Jahren seit 1982, als das erste deutsche Retortenbaby auf die Welt kam. Weltweit wird die Zahl der Retortenkinder auf etwa 3,5 Millionen geschätzt. Das hat der Vorsitzende des D.I.R Professor Ricardo Felberbaum vom Klinikum Kempten im Allgäu berichtet.

Seit dem Jahre 2004 ist die Zahl der IvF-Geburten in Deutschland aber drastisch gesunken. Der Grund: Das Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG), beschlossen im Sommer 2003 und in Kraft seit Januar 2004. Seither müssen Paare mit Kinderwunsch die Hälfte der Behandlungskosten für künstliche Befruchtungen selbst tragen - das sind pro Behandlungszyklus 1700 bis 1800 Euro. Und: Der Zuschuss der gesetzlichen Krankenkassen wird nur für drei Behandlungszyklen gewährt.

Zahl der Behandlungen ist um 43 Prozent gesunken

Um 43 Prozent seien die Behandlungsraten eingebrochen, sagte Felberbaum bei einer Festveranstaltung des Zentrums für Gynäkologie und Fortpflanzungsmedizin in Saarbrücken. Ohne die in früheren Jahren im Vorkernstadium kryokonservierten Eizellen, die 2004 in vitro zu Embryonen kultiviert wurden, seien es sogar mehr als 50 Prozent weniger Behandlungen gewesen, so der Reproduktionsmediziner.

Der Gynäkologe Andreas Giebel vom Zentrum für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin in Saarbrücken rechnete vor, was dies für die Geburtenraten konkret bedeutet: Im Jahre 2003 waren noch 16 961 Kinder durch extrakorporale Befruchtung auf die Welt gekommen, im Jahr darauf waren es dagegen nur noch 5260, also mehr als 11 000 Kinder weniger. "Die Differenz entspricht der jährlichen Geburtenrate einer Großstadt wie Köln", sagte Giebel. Dazu komme noch ein Rückgang der Inseminationen, wodurch weitere 3500 Kinder weniger gezeugt worden seien.

In einem vom Geburtenrückgang geschüttelten Land wie Deutschland seien jedoch mehr Kinder "betriebswirtschaftlich sinnvoll und im elementaren Interesse des Gemeinwohls". Deshalb stoße die politische Entscheidung, an der Erfüllung des Kinderwunschs zu sparen, bei Reproduktionsmedizinern auf großes Unverständnis.

Der Jurist Professor Helge Sodan von der Freien Universität Berlin, Direktor des Deutschen Instituts für Gesundheitsrechts, sieht es ähnlich. Insgesamt 250 Millionen Euro habe der Staat im vergangenen Jahr ausgegeben für Schwangerschaftsabbrüche aus sozialer Indikation, also für geburtenverhindernde Maßnahmen, sagte Sodan. Dagegen stünden 80 Millionen Euro, die durch das GMG eingespart wurden.

Für verfassungswidrig hält es Sodan, dass die künstliche Befruchtung nur verheirateten Paaren vorbehalten ist. Die Ehe sei nach dem modernen Familienverständnis nicht ausschließlich der Ort der Familiengründung. Knapp ein Drittel der Kinder in Deutschland stammten von Paaren, die nicht verheiratet seien. Diese Ungleichbehandlung lasse sich nicht rechtfertigen. Ende Februar wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob die Beschränkung der künstlichen Befruchtung auf verheiratete Paare rechtens ist.

Nicht nachvollziehbar ist für Sodan und die Fortpflanzungsmediziner darüber hinaus, dass Paare erst ab dem 25. Lebensjahr Anspruch auf Leistungen aus den gesetzlichen Krankenkassen haben, wenn sie sich den Wunsch nach einem Kind mit künstlicher Befruchtung erfüllen wollen. Der Gesetzgeber begründe dies damit, dass nicht mangelnde Geduld eine Schwangerschaft auf natürlichem Wege verhindern solle. "Bei einer eindeutig festgestellten, irreversiblen Infertilität, die schon vor dem 25. Lebensjahr besteht, hilft keine Geduld", sagte Sodan.

Rate der Mehrlingsgeburten ist nicht gestiegen

Trotz der größeren finanziellen Lasten, die auf den Kinderwunschpaaren liegen und deren Erfolgsdruck erhöhen, hat seit 2003 die Rate der Mehrlingsgeburten durch eine höhere Zahl implantierter Embryonen pro Transfer nicht zugenommen, so Felberbaum. 76 Prozent der durch künstliche Befruchtung gezeugten Kinder sind dem Register zu Folge Einlinge, die durchschnittlich in der 39. Schwangerschaftswoche geboren werden und im Mittel 3370 Gramm wiegen.

Zirca 22 Prozent sind Zwillinge (durchschnittlich 2450 g) und 1,4 Prozent Drillinge. Gelegentlich (0,03 Prozent) kommen Vierlinge auf die Welt. "Drillinge wiegen bei der Geburt im Mittel nur 1778 g", so der Gynäkologe. Solche Geburten seien als Komplikation der künstlichen Befruchtung anzusehen. Die Kinder müssen intensivmedizinisch betreut werden, haben im Allgemeinen später neurologische Dysfunktionen und Entwicklungsstörungen. Im Jahr 2004 wurden bei Mehrlingsschwangerschaften 107 Feten pränatal getötet.

STICHWORT

Aktuelle Zahlen aus dem IvF-Register

Nahezu jede zweite Frau, die eine IvF-Behandlung nicht abbricht, bekommt schließlich ein Kind. Die Schwangerschaftsrate pro Embryonentransfer lag im Jahr 2005 bei 30 Prozent. Jede fünfte Frau, die schwanger geworden war, verlor aber das Kind wieder, und die Rate der extrauterinen Schwangerschaften betrug 2,9 Prozent. Im Jahr 2005 lag die Rate der Frauen, die ein Kind zur Welt brachten, bei 17 Prozent pro Embryonentransfer. Die Wahrscheinlichkeit, mit Hilfe von IvF ein Kind zu bekommen, lag bei 43 Prozent. Für viele Paare ist es jedoch ein jahrelanger Weg bis zum eigenen Kind. (nsi)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Falsche Argumente für IvF-Förderung

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