Ärzte Zeitung online, 28.10.2008

Schnitt im Schritt: Neuer Körperkult im Intimbereich

BERLIN (dpa). Schönheitsoperationen werden in Deutschland zunehmend nachgefragt - inzwischen auch im Intimbereich. Doch warum drängt es Frauen überhaupt, bislang verborgene Bereiche ästhetisch zu "perfektionieren"?  Warum nehmen Frauen in Kauf, dass es via Designer-Vagina zum Frustgewinn statt zum Lustgewinn kommen kann?

Die US-amerikanische Künstlerin und Sex-Expertin Annie Sprinkle winkt durch eine aufgemalte Vagina.

Foto: dpa

"Unsere Kultur ist viel visueller geworden. Seit 20 bis 30 Jahren wird der Körper auch zur Selbstdefinition immer wichtiger. Wir sehen in den Medien sehr viele schöne Menschen. Die sind zwar oft digital bearbeitet und gar nicht real, aber die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wächst und auch der Druck, sich durch einen schönen, fitten Körper anderen gegenüber darzustellen", sagte die Psychologin zu dpa. "Wenn Schönheit machbar ist, wird sie irgendwann sozialer Konsens."

Natürlich gebe es auch Fälle, in denen ein Eingriff sinnvoll sei, weil die Frau unter ihrem Körper leide ­ etwa, wenn die Brüste unterschiedlich groß, der Busen viel zu riesig oder kaum vorhanden ist. "Ein guter Arzt merkt aber, wenn das Problem nicht mit einer Operation zu lösen ist, sondern woanders seinen Ursprung hat", sagt Borkenhagen. Dann müsse ein Psychologe helfen.

Ein konkreter Grund für den Boom kosmetischer Intimkorrekturen ist der Trend zur Intimrasur

Ein konkreter Grund für den Boom kosmetischer Intimkorrekturen ist nach Ansicht der Expertin der Trend zur Intimrasur, der sich in den vergangenen Jahren vor allem bei den jungen Frauen durchgesetzt hat. "Jetzt sieht man anatomische Unterschiede, die vorher verborgen waren", erläutert Borkenhagen. Auch die Flut von Soft-Porno-Bildern konfrontiere mit einer mädchenhaften Intim-Norm, der vor allem jüngere Frauen nacheiferten.

Die ambivalente Botschaft dieser geschönten Nacktbilder laute: Ja, du darfst offensiv und selbstbewusst Sex haben - aber nur, wenn du genauso ideal aussiehst. Genau hier gelte es, die jungen Leute mit der Realität zu konfrontieren, betont Borkenhagen. "Wir wollen deshalb in Sachsen-Anhalt mit einem Aufklärungsprojekt zum Körperkult an die Schulen zu gehen."

Der Trend kommt aus den USA und Großbritannien

Der Trend kommt aus den USA und Großbritannien und ist etwa in der neuen sexlastigen TV-Serie "Californication" präsent. Bei den so genannten Schönheitsoperationen im Intimbereich geht es um "Vaginalverjüngung" über Schamlippenkorrekturen bis zur "Rückjungferung". Experten schätzen die Zahl auf einige hundert bis tausend in diesem Jahr - und warnen vor unabsehbaren Folgen der Eingriffe.

Doch wer im Internet beispielsweise den Begriff "vaginal rejuvenation" googelt, landet prompt mehr als 200 000 Treffer. Neues Selbstbewusstsein und ein erfülltes Sexualleben werden da denjenigen versprochen, die sich die inneren Schamlippen verkleinern, die Klitoris aufpolstern oder die Vagina mit Eigenfett straffen lassen. Schließlich lässt sich mit dem neuen Betätigungsfeld gutes Geld machen - knapp 1000 Euro kostet eine Schamlippenkorrektur, im Durchschnitt.

Selbst Aufpolsterungen des so genannten G-Punktes werden angeboten

"Die Bestrebung nach äußerlicher Makellosigkeit und körperlicher Perfektion hat längst alle anatomischen Stellen unseres Körpers eingenommen, so auch die Genitalregion", heißt es dazu lapidar auf der Website eines Münchner Arztes. So werden beispielsweise Frauen nach Geburten statt der sonst üblichen - wenngleich etwas Eigeninitiative erfordernden - Beckenbodenübungen verschiedene Verfahren der Scheidenstraffung oder auch eine Aufpolsterung des - medizinisch noch gar nicht lokalisierten - G-Punkts empfohlen, um neue Lust am Sex zu haben.

"Nichts von dem ist wissenschaftlich erwiesen", warnte der Berliner Frauenarzt Professor Heribert Kentenich jüngst auf dem Deutschen Gynäkologenkongress. Stattdessen hätten die Frauen Narben an einer "sehr sensiblen Stelle". Nur in wenigen Fällen sei eine genitale Operation medizinisch sinnvoll - etwa bei einem drohenden Gebärmuttervorfall, oder wenn die kleinen Schamlippen so groß sind, dass sie beim Sitzen oder Radfahren stören und sich ständig entzünden.

Eine Designer-Vagina kann zum Frustgewinn statt zum Lustgewinn führen, warnen Experten

Auch Fachgesellschaften begleiten den Trend kritisch. "Sicher gibt es da einige schwarze Schafe", sagt Kerstin van Ark, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen. Insgesamt 700 000 Eingriffe führten die rund 600 Fachärzte der Gesellschaft 2004 aus - ein Viertel davon waren rein ästhetischer Natur. Doch den nach langjährigem Ringen erreichten guten Facharztruf will man nicht aufs Spiel setzen. "Wir denken über eine Konsensus-Erklärung zur Genitalchirurgie nach, wie sie unsere österreichische Schwestergesellschaft schon verabschiedet hat."

Deren Präsidentin, Professor Maria Deutinger, befand klipp und klar: "Schönheits-Ops sind kein Besuch beim Friseur." Ohne medizinischen Hintergrund sei ästhetische Intimkorrektur ein fahrlässiger Eingriff. "Es kann zum Verlust des Hautempfindens und zu Narbenschmerzen kommen. Auch der Harnfluss kann beeinflusst werden", warnt sie. Was als Lustgewinn via Designer-Vagina geplant war, kann also leicht zum Frustgewinn werden.

[29.10.2008, 11:47:56]
Dr. Gerhard Smit 
Schönheitschirurgie
Diese Ärzte sollten gezwungen werden, den fehlenden Bedarf an Hausärzten zu decken. Wer hat das Studium bezahlt?

Ausgenommen die Ärzte, die Unfallopfer u.a. wieder rekunstruktionieren. Die haben meine Hochachtung werden schlechter bezaht als ein Schönheitschirurg.
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