Ärzte Zeitung, 17.11.2014

Extremfrühchen

"Die 22. Woche dürfte die unterste Grenze sein"

Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" schildert der japanische Neonatologe Professor Shoichi Chida, mit welchen Problemen Frühchen zu kämpfen haben und warum der Staat mehr für werdende Mütter tun sollte.

Das Interview führte Sonja Blaschke

Professor Shoichi Chida leitet die Abteilung für Pädiatrie an der Universität Iwate in der nordjapanischen Stadt Morioka. Als Nachfolger von Professor Tetsuro Fujiwara, der mit der erfolgreichen Herstellung von Surfactant aus Rinderlungen die Frühchen-Medizin revolutionierte, setzt er dessen Forschung dazu fort. Er gilt als einer der führenden Neonatologen Japans.

Ärzte Zeitung: Was ist die größte Herausforderung in Ihrer täglichen Arbeit?

Professor Shoichi Chida: Die Geburt über die 22. oder 23. Woche hinaus zu verlagern! Bei extrem Frühgeborenen kann es zu einer periventrikulären Leukomalazie kommen, eine Schädigung der weißen Hirnsubstanz durch Sauerstoffmangel. Das zweite häufige Problem ist eine chronische Erkrankung der Lunge. Wenn wir diese Krankheiten vorbeugen oder sie behandeln könnten, dann könnten wir noch kleinere Kinder retten.

Wie kam es dazu, dass in Japan Ärzte seit bald 25 Jahren gesetzlich verpflichtet sind, alles zu tun, damit Embryos, die mit 22 Wochen zur Welt kommen, überleben?

Chida: Lange war es so, dass die 24. Woche nach einer Denkschule als Grenze der Lebensfähigkeit galt. Aber dann hat man im ganzen Land eine große Untersuchung dazu durchgeführt und geschaut, wie hoch die Sterberate bei der 23. Woche ist, wie hoch bei der 22. Woche. Es kam heraus, dass Kinder mit nur 23 Wochen überlebt haben. Wenn mehr als eines überlebt, dann können wir in der 22. Woche den Strich ziehen, dachte man.

Japan hat die höchsten Überlebensraten von Frühchen im weltweiten Vergleich. Was ist am japanischen System besser als anderswo?

Chida: Wenn eine Japanerin schwanger wird, kann sie in Japan zu 14 kostenlosen Voruntersuchungen gehen. So können mehrfach Checks durchgeführt werden, ob etwa eine Anämie oder eine Entzündung des Geburtskanals vorliegt. Das ist ein sehr gutes System, finde ich.

Ein häufiges Problem bei Frühchen ist das Atemnotsyndrom. Zur Behandlung wird künstlich hergestelltes Surfactant in die Lunge eingespritzt - ein Stoff, den der Körper erst ab der 24. Schwangerschaftswoche selbst bilden kann. Wie wird in Japan entschieden, ob Surfactant verabreicht wird?

Chida: Wir entnehmen eine Probe aus dem Fruchtwasser und führen einen Mikroblasen-Test durch. Er zeigt auf, ob das Kind selbst Surfactant gebildet hat. Liegt ein Mangel vor, wird es vorbereitet, aber nicht pauschal allen Frühchen verabreicht - auch im Hinblick auf die Kosten. Wie wohl die meisten Ärzte finde ich, dass man unnötige Behandlungen vermeiden sollte.

Gibt es Risiken bei der Gabe von Surfactant?

Chida: Wir verwenden Surfactant seit über 30 Jahren. Schon lange forsche ich dazu, ob und welche Risiken bestehen, zum Beispiel über Bluttests. Doch wenn es unerwünschte Nebenwirkungen gibt, habe ich sie bisher nicht gefunden. Oder sie sind noch nicht veröffentlicht worden.

Wird Japan die Anzahl der Wochen noch weiter heruntersetzen?

Chida: Ich denke, das ist schwierig. Die 22. Woche dürfte die unterste Grenze der Lebensfähigkeit sein. Vorausgesetzt, dass die Schwangerschaftsdauer richtig berechnet ist - darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen - haben die Embryos zu dieser Zeit noch geschlossene Augen, ihre Haut ist unheimlich dünn. Sie sind in vielerlei Hinsicht noch unterentwickelt, quasi auf der Schwelle zwischen Überleben und Sterben. Selbst wenn man sich noch so anstrengt, sie zu retten, ist die Sterberate dann sehr hoch.

Was kann denn die Gesellschaft tun, um werdende Mütter gut zu unterstützen?

Chida: Zwar wird in Japan viel über die Zeit nach der Geburt gesprochen, man will mehr Krippen einrichten, und so weiter. Der Staat denkt jedoch nicht an die Zeit vor der Geburt, etwa an ein System, das es den Müttern ermöglicht, vor der Geburt besser zu entspannen. Wenn eine Mutter Stress empfindet, bleibt ihr nichts, als sich selbst zu kontrollieren. Die Gesellschaft tut nichts für sie.

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