Ärzte Zeitung, 28.01.2015

In der Schwangerschaft

Schadet eine fleischlose Ernährung?

Vegetarisch oder vegan zu leben, liegt im Trend. Eine neue Studie hat sich jetzt mit der Frage beschäftigt, welche Auswirkungen diese Ernährungsweisen auf ungeborene Babys im Mutterleib haben.

Von Thomas Müller

Schadet eine fleischlose Ernährung?

Zwischen sechs und neun Prozent der Deutschen leben vegetarisch. Bei guter Versorgung mit Vitaminen und Nährstoffen scheint diese Ernährungsweise keinen negativen Einfluss auf eine Schwangerschaft zu haben.

© IuriiSokolov / iStock / Thinkstock

TURIN. Zwischen sechs und neun Prozent der Bevölkerung in Deutschland verzichten weitgehend auf den Genuss von Fleisch, und dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen.

Auch die Zahl derer, die sich vegan ernähren, nimmt zu, liegt aber noch unter einem Prozent.

Unter den Fleischverächtern finden sich entsprechend auch immer mehr Schwangere, und hier stellt sich die Frage, ob eine weitgehend oder rein pflanzliche Diät die Nährstoffe in dem Maße liefern kann, wie sie ein Fetus für seine Entwicklung benötigt.

Wissenschaftler um Dr. Giorgina Piccoli haben sich nun die Mühe gemacht, in der Literatur nach Studien zu Schwangerschaften mit Vegetariern und Veganern zu suchen (BJOG 2015, online 20. Januar).

Sie wollten wissen, ob die pflanzliche Diät einen Einfluss auf Geburtsgewicht, Nährstoffmangel und das Risiko von Fehlbildungen hat.

Insgesamt fanden sie 22 Studien. 13 lieferten Daten zum Ergebnis der Schwangerschaft, neun zur Nährstoffversorgung. Die meisten Studien (14) stammten aus Europa, vier aus Nordamerika und vier aus Indien.

Keine gehäuften Fehlbildungen

In fünf der Studien hatten Kinder von vegetarisch lebenden Müttern ein niedrigeres, in zwei ein höheres Geburtsgewicht als solche von Fleisch essenden Müttern, allerdings waren die Unterschiede in den meisten Studien nicht signifikant und lagen zwischen 20 und 200 Gramm.

In einer Untersuchung mit über 8000 Schwangerschaften kam es beim männlichen Nachwuchs vegetarisch lebender Mütter vermehrt zu Hypospadien.

Dies war allerdings auch bei Kindern von Müttern mit Eisensupplementation und einer Influenzainfektion im ersten Trimester häufiger der Fall, sodass nicht unbedingt auf die vegetarische Ernährung als Ursache geschlossen werden kann.

Bedeutsame Unterschiede bei anderen Fehlbildungen wurden nicht dokumentiert, ebenso wenig bei der Häufigkeit von Frühgeburten.

Wenig Aussagekraft haben auch die Studienergebnisse zum Schwangerschaftsverlauf:

In einigen Untersuchungen war die Präeklampsie-Rate bei den Vegetarierinnen leicht erhöht, in anderen wiederum erniedrigt.

Am ehesten deuteten die Studiendaten bei der Gewichtszunahme in eine Richtung: Diese ist bei den schwangeren Vegetarierinnen offenbar etwas geringer.

Auch die Vitamin-B12- und Eisenwerte sind bei den Schwangeren mit Fleischverzicht nach diesen Daten tendenziell niedriger, vor allem bei vegan lebenden Müttern, dafür sind die Serumwerte für Magnesium und Folat höher als bei den Omnivoren.

Ergebnis durch Lebensstil verzerrt

Wird auf eine gute Versorgung mit Vitaminen und Nährstoffen geachtet, scheinen vegetarisch lebende Mütter ähnlich häufig gesunde Kinder zur Welt zu bringen wie Fleisch essende Mütter, so die Schlussfolgerung der Studienautoren um Piccoli.

Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass die Ergebnisse durch den Lebensstil verzerrt werden: In Industrieländern entscheiden sich oft Menschen mit einem hohen Gesundheitsbewusstsein für einen vegetarischen Lebensstil — in Entwicklungsländern sind viele Menschen dazu gezwungen, weil sie sich Fleisch nicht leisten können.

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