Ärzte Zeitung, 10.11.2004

Bei alten Menschen sind weniger Arzneien oft mehr

Dosis soll altersadaptiert sein

MAINZ (ner). Bei gerontopsychiatrischen Patienten werden die kognitiven Funktionen zu oft durch eine ausgeprägte Polypharmazie verschlechtert. Dr. Michael Enzl aus Münster fordert, diese Patienten nur mit der unbedingt notwendigen Medikation zu behandeln.

"Ein alter Mensch ist wie eine alte Taschenuhr. Da muß man mit kleinem Werkzeug ran, nur ein bißchen drehen und drei Tage die Wirkung abwarten", so der Gerontopsychiater beim 3. Lundbeck Dialog ZNS in Mainz. Psychopharmaka sollten möglichst langsam, niedrig dosiert und einschleichend gegeben werden, um das Risiko unerwünschter Effekte gering zu halten. Werde die Medikation geändert, sollte das stets langsam vorgenommen werden.

Enzl hinterfragt grundsätzlich die Indikation jeglicher Medikamente, auch jener, die seit Jahren eingenommen werden. Die weit verbreitete Polypharmazie verursache unübersehbare Interaktionen und teilweise auch unerwünschte psychische Wirkungen.

Mit den mitbehandelnden Kollegen sollte regelmäßig erörtert werden: Reicht nicht ein Blutdruck-Mittel aus? Muß das Diuretikum sein? Haben die drei Schmerzmittel überhaupt einen Effekt, oder sollte nicht ein Morphin, etwa als Pflaster, verordnet werden? Nicht vergessen werden dürfen Interaktionen bei Selbstmedikation.

Auch langjährig gut eingestellte Lithium-Spiegel bei affektiven Störungen können für alte Patienten viel zu hoch dosiert und Ursache für Tremor und Verwirrung sein, so Enzl. Tranquilizer sollten wegen ihrer stark sedierenden Eigenschaften nur kurzfristig bei sehr agitierten Patienten angewendet werden.

Bei den Neuroleptika seien prinzipiell Atypika den klassischen Neuroleptika vorzuziehen, weil sie kaum anticholinerge Wirkungen haben wie Reizleitungsstörungen am Herzen, Verwirrtheit, Obstipation, Harnverhalt oder Glaukomanfälle. Eine Dauereinnahme sei oft nicht erforderlich. Ähnliches gelte für die neueren Antidepressiva wie SSRI (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Sehr kritisch sei auch die sogenannte Bedarfsmedikation zu sehen. Man müsse genau definieren, was ein Bedarf sei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »