Ärzte Zeitung, 29.11.2004

Patienten können lernen, mit Ohrgeräuschen zu leben

Erfolg bei chronischem Tinnitus mit Retraining-Therapie plus psychotherapeutischer Betreuung / Aufmerksamkeit wird umgelenkt

Ständiges Rauschen, Brummen oder Pfeifen im Ohr - die Geräusche des Tinnitus sind für viele Patienten eine große Qual. Nahezu drei Millionen Menschen in Deutschland haben einen Tinnitus, und etwa ein Million von ihnen leidet stark und anhaltend darunter. Es gibt jedoch effektive Therapien, und zwar psychosomatischer Art.

Pfeifen, Rauschen, Knarren, oder Brummen - die Lebensqualität von Tinnitus-Patienten ist oft stark eingeschränkt. Foto: ddp

Von Ingrid Kreutz

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Die pathophysiologischen Mechanismen der Ohrgeräusche sind bisher noch weitgehend unklar. Es werden sowohl kochleäre als auch zentrale Störungsmechanismen diskutiert (HNO 5, 2004, 431). Das Grundproblem liegt offenbar nicht so sehr im Tinnitus selbst, sondern in der Verarbeitung der Ohrgeräusche: Das Gehirn interpretiert Schädigungen an den Haarzellen des Innenohrs oder an den Nervenzellen irrtümlicherweise als Geräusch. Und das limbische System bewertet dieses Geräusch als unangenehm.

Die derzeit erfolgversprechendste Therapie für Patienten, die sich durch Tinnitus stark und anhaltend beeinträchtigt fühlen, bei denen aber keine organischen Ursachen, etwa eine Hypertonie oder ein Hirntumor gefunden werden, sind ganzheitliche Behandlungskonzepte, die auf der Retraining-Therapie basieren. Hierdurch sollen die Patienten lernen, mit den ständigen Ohrgeräuschen zu leben, indem sie ihre Aufmerksamkeit davon weglenken und die Geräusche einfach überhören.

Eingehende Beratung zu Beginn der Behandlung

Zu dieser Therapie gehört zunächst eine eingehende Beratung der Patienten (Tinnitus-Counselling). Dadurch soll den Patienten nicht nur vermittelt werden, was Tinnitus ist, sondern es wird auch geklärt, wie stark die Patienten in ihrem täglichen Leben durch die Ohrgeräusche beeinträchtigt sind. Ein anerkanntes Verfahren hierfür ist der Fragebogen nach Goebel & Hiller, mit dem der Tinnitus über einen Punktescore in vier Schweregrade eingeteilt wird.

STICHWORT

Retraining-Therapie

Eine erfolgversprechende Therapie für Patienten, die sich durch Tinnitus stark und anhaltend beeinträchtigt fühlen, ist die Retraining-Therapie. Hierdurch sollen die Patienten lernen, ihre Aufmerksamkeit von den Ohrgeräuschen wegzulenken und sie nicht mehr so intensiv wahrzunehmen. Zu dieser Therapie gehört eine eingehende Beratung (Tinnitus-Counselling). Hierbei wird den Patienten etwa genau erklärt, was Tinnitus ist. Kernstück der Therapie ist die Aufmerksamkeitsumlenkung: Bei der klassischen Retraining-Therapie nach Jastreboff und Hazell werden hierfür Rauschgeräte (Noiser) oder Hörgeräte zur Verstärkung der Umgebungsgeräusche verwendet. Nach neuen Studienergebnissen eignen sich hierfür außer akustischen aber offenbar auch optische Reize. (ikr)

Darüber hinaus soll den Patienten auch die Angst vor dem Tinnitus genommen werden. "Manche Patienten haben Angst, durch die ständigen Geräusche im Ohr taub zu werden oder einen Tumor zu bekommen", sagte die HNO-Ärztin und Tinnitus-Spezialistin Dr. Birgit Kohler aus Bad Krozingen zur "Ärzte Zeitung".

Kernstück der Retraining-Therapie ist die Aufmerksamkeitsumlenkung: Bei der klassischen Retraining-Therapie nach Jastreboff und Hazell werden hierfür Rauschgeräte (Noiser) oder Hörgeräte zur Verstärkung der Umgebungsgeräusche verwendet. Hierdurch lernt der Patient, die Aufmerksamkeit vom Tinnitus wegzulenken und ihn zu überhören.

Mittlerweile hat sich jedoch gezeigt, daß die Aufmerksamkeitsumlenkung nicht nur durch akustische Reize funktioniert, sondern auch durch optische Reize, indem die Patienten sich zum Beispiel angenehme Situationen im Leben vorstellen wie das Sonnenbaden in einem bequemem Liegestuhl oder das Umgebensein von Wald und Vogelgezwitscher.

Die Retraining-Therapie wird in Deutschland seit 1995 zur Behandlung von Patienten mit chronischem Tinnitus angewendet. Es werden mittlerweile vor allem ganzheitliche Konzepte favorisiert, das heißt außer dem Tinnitus-Counselling und der Aufmerksamkeitsumlenkung werden den Patienten Entspannungsübungen, etwa die Muskelrelaxation nach Jacobson, sowie psychologische oder psychotherapeutische Betreuung zur Streßbewältigung angeboten.

Hilfe bei der Bewältigung von Streß

"Die psychologische Betreuung ist ein sehr wichtiges Element", so Dr. Eberhard Biesinger aus Traunstein, der an den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde zu Tinnitus mitgearbeitet hat. Wie stark sich Patienten durch Ohrgeräusche belästigt fühlen, hängt auch von äußeren Umständen ab, etwa davon, wie ein Patient mit Streß umgeht. Das kann man mit Psychotherapie eruieren und beeinflussen.

STICHWORT

Tinnitus-Fragebogen

Wie stark Patienten durch Tinnitus belastet sind, läßt sich mit dem Tinnitus-Fragebogen von Goebel & Hiller beurteilen. Er ermöglicht es, die emotionale und kognitive Belastung durch die Ohrgeräusche zu erfassen. Außerdem läßt sich damit herausfinden, wie stark die Patienten durch tinnitusbedingte Schlafstörungen, Hörprobleme und körperliche Beschwerden beeinträchtigt sind.

Der im Fragebogen erreichte Punktwert erlaubt eine Einteilung des Tinnitus in vier Schweregrade. Die Skala reicht von Schweregrad 1 (leicht; bis zu 30 Punkte) bis Schweregrad 4 (sehr schwer; 60 bis 84 Punkte). (ikr)

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