Ärzte Zeitung, 03.05.2005

Psychische Verletzungen von Kriegskindern wirken nach

Bombardierungen, Flucht, Vergewaltigung in den Kriegsjahren können Ursache von Depression bei Alten sein

Von Rudolf Grimm

Alles verloren: Flüchtlingskinder in einer Notunterkunft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Foto: dpa

2,5 Millionen Kinder wurden in Deutschland im Krieg 1939-1945 zu Halbwaisen, 100 000 zu Vollwaisen. Mehr als ein Drittel aller Kinder waren während des Krieges oder danach auf der Flucht. Neun von zehn Kindern erlebten Bombardierungen oder Kämpfe. Jedes vierte Kind verlor auf Dauer seinen Vater oder wegen einer Kriegsgefangenschaft zumindest für einige Jahre, viele auch die Mutter.

Die Langzeitfolgen der damit verbundenen Leiden werden erst neuerdings untersucht (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Bei vielen alten Deutschen konnten körperliche oder psychische Beschwerden und Störungen dabei eindeutig mit Erlebnissen vor 60 Jahren erklärt werden.

Ursachen sind außer dem Verlust des Vaters oder der Eltern besonders auch die Erfahrungen von Bombardierungen und bei Mädchen die einer Vergewaltigung. Die Zeitschrift "Psychologie heute" (Weinheim) gibt in ihrer Mai-Ausgabe einen Überblick über die einschlägigen Befunde.

Einen besonders eindrucksvollen Befund zeigte eine Erhebung der Hamburger Psychologinnen Frauke Teegen und Verena Meister, an der sich 269 Menschen (76 Prozent Frauen) beteiligten, die als Kind fliehen mußten. Sie ergab, daß knapp zwei Drittel der Befragten unter Intrusionen litten - das Erleben kehrt in Form von Bildern oder Geräuschen quälend zurück.

Hinzu kommen depressive Stimmungen und körperlich spürbare Angstsymptome. Am meisten auf der Seele lagen diesen Menschen schreckliche einzelne Erfahrungen wie eigene Vergewaltigung, der Tod von Familienangehörigen oder die Konfrontation mit mißhandelten Toten. Die Befragten wurden ausgewählt unter zur Auskunft bereiten Zeitzeugen. Psychische Vorerkrankungen wurden nicht erfragt.

Am Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit stellten Forscher bei einer Untersuchung verschiedener Altersgruppen beim Jahrgang 1935 fest, daß Menschen 60 Jahre später häufiger an seelischen und psychosomatischen Beschwerden litten, wenn in der Kindheit der Kontakt zum Vater fehlte. Zu ähnlichen Ergebnissen kam Elmar Brähler von der Universität Leipzig in einer repräsentativen Erhebung.

Bei Frauen, denen als Kinder die Väter fehlten, fand Brähler vermehrt depressive Zustände, soziale Ängste und vegetative Störungen. Die bei vaterlos aufgewachsenen Kriegskindern allgemein festgestellte physische und geistige Erschöpfung hänge auch damit zusammen, daß sie nach dem Krieg Erwachsenenfunktionen übernehmen mußten. Sie trugen zum Lebensunterhalt bei, führten den Haushalt, versorgten jüngere Geschwister.

Der Psychoanalytiker Hartmut Radebold aus Kassel berichtete im "Deutschen Ärzteblatt" unlängst ebenfalls über Auswirkungen einer langfristigen Abwesenheit oder den Tod des Vaters. So führte offenbar eine durch enges Zusammenleben geprägte Mutter-Kind-Beziehung bei einer fehlenden Vaterfigur besonders bei den Söhnen zu eingeschränkter bis verunsicherter psychosozialer und psychosexueller Identität sowie auch zu Beziehungs- und Bindungsstörungen.

Ein von Radebold mitherausgegebenes Buch enthält Berichte von einstigen Kriegskindern. Da wird deutlich, daß auch Söhne, deren Väter spät aus dem Krieg nach Hause kamen, große Probleme mit der eigenen Identität haben. Die Väter waren zudem oftmals krank, verwundet oder in ihrer Seele geschädigt und ihren Söhnen kein Vorbild.

Radebold möchte die Erfahrungen des Krieges jedoch nicht mit Traumatisierungen gleichgesetzt wissen: Auch damals gab es schützende Einflüsse, wie etwa eine stabile Mutter- Kind-Beziehung, eine Großfamilien-Situation oder männliche Bezugspersonen wie ältere Brüder oder Großväter.

Die aus zwei Vertriebenenfamilien stammende Diplom-Pädagogin Astrid von Friesen aus Freiberg in Sachsen schließt aus vielen Gesprächen mit Kindern von Flüchtlingen, daß viele spätere Erkrankungen oder Verhaltensauffälligkeiten auch darauf zurückgehen, daß ihnen nach dem Krieg die Rolle zuwuchs, die Ehe ihrer traumatisierten Eltern zu stabilisieren. Wie die Verfasserin des Buchs "Der lange Abschied" (Psychosozial-Verlag, Gießen, 2000) der dpa sagte, hatten andere Kinder von der Mutter den unausgesprochenen oder ausgesprochenen Auftrag, den toten Vater zu ersetzen.

Wie besonders stark die Nachwirkung einer 60 Jahre zurückliegenden Vergewaltigung sein kann, ist bei den wenigen Frauen deutlich geworden, die sich im Alter dazu im Fernsehen geäußert haben. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler aus Bielefeld glaubt, daß die Massenvergewaltigungen zwischen 1945 und 1949 durch Soldaten der Roten Armee in Zukunft stärker thematisiert werden.

Wie er der dpa sagte, widmen sich neuerdings besonders amerikanische Historikerinnen deutsch-jüdischer Abstammung dem damaligen Geschehen unter dem Leitmotiv "Gewalt gegen Frauen". Wehler zufolge wird die Zahl der Vergewaltigungen durch die Soldaten der Roten Armee auf mehrere Millionen geschätzt, darunter selbst Mädchen bis hinab zum Alter von sechs Jahren.

"Für Ärzte und Psychotherapeuten bedeutet das: Bei einem seelischen Problem oder der Diagnose einer seelischen Störung Älterer sollte man auch historisch denken und unter Umständen behutsam nachfragen", ist Radebolds Rat.

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