Ärzte Zeitung, 16.11.2005

"Verrückt und gemeingefährlich"

Der Verein "Irrsinnig Menschlich" kämpft gegen die Stigmatisierung psychisch Kranker

BERLIN (ddp.vwd). In der Öffentlichkeit sind sie oft die "gefährlichen Verrückten", die ihren Mitmenschen Furchtbares antun. Hinter dem Stigma verschwinde die Mehrheit der psychisch Kranken, die nicht gewalttätig sei, sagt Manuela Richter-Werling, Geschäftsführerin des bundesweit arbeitenden Vereins "Irrsinnig Menschlich".

Genau wie das Wissen um psychische Krankheiten hätten auch die Vorurteile zugenommen. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern setzt sich Richter-Werling dafür ein, daß Menschen mit Schizophrenie, Angststörungen, Depressionen und anderen seelischen Erkrankungen nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. "Die Betroffenen werden ganz anders behandelt als Menschen mit körperlichen Krankheiten", weiß die 46jährige.

Die Männer und Frauen litten am meisten unter Stigmatisierung und Ausgrenzung, die das Eingeständnis einer psychischen Erkrankung häufig nach sich ziehe. So würden sie auf ihren Arbeitsstellen oft gemobbt oder ganz verdrängt. Ein normales Leben sei für sie kaum möglich.

Für psychisch erkrankte Jugendliche, deren wichtigste Ziele eine abgeschlossene Ausbildung oder ein fertiges Studium seien, gebe es im Betrieb oder an der Universität kaum kompetente Ansprechpartner. Ein weiteres Problem: "Die jungen Frauen und Männer wissen nicht, was sie in ihren Lebenslauf schreiben sollen, wenn sie wegen ihrer Krankheit pausieren müssen."

Durch Begegnungen mit Betroffenen, darunter Prominenten, sollen das negative Bild von Menschen mit psychischen Krankheiten verändert und Berührungsängste abgebaut werden.

"Natürlich macht es uns Angst, wenn sich jemand in seinem Verhalten völlig verändert. Wir möchten immer alles unter Kontrolle haben", sagt Richter-Werling. Das Wichtigste sei aber, daß die Betroffenen von ihren Familien, Freunden und Kollegen trotz ihrer Krankheit angenommen werden.

Beim Kampf um eine stärkere Lobby stößt der im Jahr 2000 in Leipzig gegründete Verein auch in der Politik auf Vorurteile. Ein sehr häufig gehörtes Wort, das auch Parlamentarier bei Debatten im Bundestag für ihre Gegner gebrauchten, sei "schizophren", sagt Richter-Werling.

Mit dem Preis MUT zeichnet die Initiative deshalb seit drei Jahren Politiker aus, die sich vorbildlich für psychisch Erkrankte einsetzen. In diesem Jahr wurde die mit 1500 Euro dotierte Auszeichnung an die Bürgermeisterin der Stadt Halle/Saale, Dagmar Szabados, verliehen.

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