Ärzte Zeitung, 05.05.2006

HINTERGRUND

Freuds Psychoanalyse ist in der Medizin noch immer von Bedeutung

Von Matthias Lukasczik

Kontroverse Ideen hinterlassen oft einen nachhaltigen Eindruck. Bei der Psychoanalyse ist das nicht anders - in vielerlei Hinsicht hat sie die Geistes- und Kulturgeschichte einer ganzen Epoche geprägt.

Auf vielfältige Weise hat die Psychoanalyse das wissenschaftliche Denken bis in die heutige Zeit beeinflußt: Das Konzept unbewußter Prozesse hat Eingang in die moderne Neuro- und Kognitionswissenschaft gefunden.

Freuds Gedanken zur Bedeutung lebensgeschichtlicher Erfahrungen für die Persönlichkeit und den Umgang mit Belastungen haben das Verständnis für menschliche Entwicklung erweitert. Und Freud ist es auch gewesen, der auf die Bedeutung seelischer Konflikte für die psychische Gesundheit hingewiesen hat.

Viele neue Verfahren basieren auf der Psychoanalyse

Es gibt zwar viel Kritik, doch von Bedeutung für die heutige Medizin und Psychologie ist die Psychoanalyse allemal. Sie ist eine wesentliche Säule in der ambulanten wie der stationären psychotherapeutischen Versorgung. Aber: Allein schon von "der" Psychoanalyse zu sprechen, führt in die Irre.

Es gibt heute eine große Vielfalt psychodynamisch orientierter Therapieverfahren. Dazu zählt die klassische Langzeitanalyse ebenso wie die tiefenpsychologisch fundierte Therapie nach C. G. Jung. Auch neue Formen der psychodynamischen Kurzzeittherapie gehören dazu.

    Pychoanalyse und andere Therapien ergänzen sich.
   

Und die Bewährung als Therapieform? In der Psychotherapieforschung haben analytische Behandlungsansätze häufig weniger gut abgeschnitten als andere Methoden. Besonders für die hochfrequente Langzeit-Psychoanalyse sind kaum gesicherte Erfolge dokumentiert.

Das ist ein zentraler Kritikpunkt vieler Freud-Skeptiker: Es sei sträflich vernachlässigt worden, die Wirksamkeit der Psychoanalyse als Heilmethode nach wissenschaftlichen Kriterien unter Beweis zu stellen. Psychotherapeutische Interventionen würden auf der Basis unzureichend abgesicherter Theorien erfolgen.

Bei Persönlichkeitsstörungen ist Psychoanalyse wirksam

In der jüngsten Zeit hat sich das Bild indes etwas gewandelt. Neue Studien haben frühere Befunde der Psychotherapieforschung relativiert, es hat sich gezeigt: Unterschiede in der Effektivität verschiedener therapeutischer Ausrichtungen reduzieren sich, wenn man berücksichtigt, welcher theoretischen Orientierung sich der Forschende verpflichtet fühlt. Auch gibt es Belege für die Wirksamkeit kürzerer Formen der psychoanalytischen Therapie.

Zum Beispiel in der Behandlung von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen: Eine psychodynamische Therapie hat sich in Studien von Falk Leichsenring von der Uni Göttingen als effektiv für die Therapie von Menschen mit Persönlichkeitsstörung erwiesen (American Journal of Psychiatry, 160, Juli 2003). Genauso gut wie die Verhaltenstherapie schneidet die psychodynamische Therapie auch bei Depressionen ab (Clinical Psychology Review, 21, 2001).

In der Psychiatrie und der Psychotherapie kommt eine analytisch orientierte Psychotherapie zudem bei Zwangsstörungen oder psychosomatischen Erkrankungen zum Einsatz. Generelle Voraussetzung für diese Form der Behandlung ist ein hohes Maß an Introspektionsfähigkeit der Patienten - ist doch die Psychoanalyse ein Verfahren, das auf die Einsicht der Patienten in die eigene Psychodynamik setzt.

Und die aktuelle Situation? Derzeit ist die therapeutische Psychoanalyse im Wandel. Man will sich (überzeugt oder gezwungenermaßen) der empirischen Absicherung stellen. Das geschieht zum Beispiel in Form einer stärkeren Standardisierung des Vorgehens und der Verwendung von Manualen, aber auch in einer präziseren Beschreibung therapeutischer Verfahren. Dazu zählt etwa die sogenannte "Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik".

Erkennbar ist auch der Trend, sich anderen therapeutischen Richtungen zu öffnen. So integriert beispielsweise die Interpersonelle Therapie, die gute Erfolge bei depressiven Patienten zeigt, Elemente aus anderen Therapieschulen. Neue psychodynamische Ansätze bei Angststörungen beziehen verhaltenstherapeutisch orientierte Elemente mit ein. Auch in der Behandlung bei sexuellen Funktionsstörungen scheint ein Miteinander verhaltenstherapeutischer und psychodynamischer Techniken das Mittel der Wahl.

Allerdings: Unumstritten ist all das in der psychoanalytischen Zunft sicher nicht, und mancher orthodoxe Analytiker wird den Neuerungen skeptisch gegenüberstehen. Aber vielleicht lassen sich diese eigenwillige Wissenschaft und die Anforderungen der modernen Empirie am Ende doch in Einklang bringen.

Der Diplom-Psychologe Matthias Lukasczik ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Uni Würzburg.

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STICHWORT

Psychodynamische Psychotherapie

Psychodynamische oder tiefenpsychologische Therapie basiert auf der Psychoanalyse. Freuds Konzepte von Unterbewußtsein, Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung werden beachtet, sind aber nicht Schwerpunkt. Der Patient liegt auch nicht auf einer Couch. Psychodynamische Verfahren werden als Einzel- und Gruppentherapie angewendet. (eb)

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