Ärzte Zeitung, 11.07.2006

HINTERGRUND

Studien belegen Erfolge von Hyperthermie gegen Krebs - aber die Methode hat sich noch nicht durchgesetzt

Von Philipp Grätzel von Grätz

Für Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen ist die lokale Strahlentherapie oft die letzte Option, um das sich ausbreitende Krebsgewebe doch noch für eine Weile einzudämmen. Röntgenstrahlen sind dabei aber nicht die einzigen Strahlen, die einen Tumor am wachsen hindern können. Auch Mikrowellen in einem Frequenzbereich zwischen 80 und 150 Megahertz können das bei gewissen Tumorentitäten leisten.

Krebspatientin vor Hyperthermie-Therapie. Der Zylinder erhitzt das Gewebe, der Magnetresonanztomograph überwacht die Temperatur. Foto: Sennewald Medizintechnik

Das Prinzip ist dabei eine Erwärmung des Tumors. Onkologen und Strahlentherapeuten sprechen von Hyperthermie. "Was wir anstreben, ist eine Erwärmung des Tumors auf über 40° C, besser auf über 42° C", erläuterte Professor Peter Wust von der Charité Berlin beim 23. Jahreskongreß der European Society for Hyperthermic Oncology in Berlin. Erreicht wird das mit um den Körper gelegten Plexiglasringen, in die Antennen für die Erzeugung der Mikrowellen eingebettet sind.

Methode bei 122 Patienten mit Tumoren unter der Haut geprüft

Daß damit therapeutische Erfolge erzielt werden können, legen mehrere Studien nahe, die in den vergangenen Jahren publiziert wurden. So berichtete Professor Ellen Jones von der Duke University im US-Staat North Carolina in Berlin von einer kürzlich beendeten Studie bei 122 Patienten mit oberflächlichen Tumoren, die maximal drei Zentimeter unter der Hautoberfläche lagen. Die meisten Patienten hatten Rezidive von Mamma-Karzinomen. Es waren aber auch Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren und mit malignen Melanomen dabei.

Untersucht wurde in einem randomisierten, kontrollierten, nicht-verblindeten Studiendesign die Wirksamkeit einer Hyperthermietherapie, bei der 90 Prozent des Zielgewebes über eine kumulative Dauer von zehn Minuten auf mindestens 43°C erhitzt wurden. In der Kontrollgruppe wurde nur mit einer Testdosis für weniger als eine Minute gearbeitet. Alle Patienten erhielten zudem eine Standard-Radiotherapie. "Wir haben in der Hyperthermie-Gruppe eine Ansprechrate von 66 Prozent erreicht, verglichen mit 42 Prozent in der Kontrollgruppe", sagte Jones. Als Ansprechen wurde gewertet, wenn die Tumore zeitweilig schrumpften. Keinen Unterschied gab es aber beim Gesamtüberleben.

    Hyperthermie erhöhte bei Zervix-Ca die Überlebensrate.
   

Unterschiede in der Dreijahres-Sterberate bei Patientinnen mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Zervix-Ca nachweisen konnte dagegen Dr. Jacoba van der Zee von der Erasmus-Universität in Rotterdam. In einer randomisierten, nicht verblindeten Multicenterstudie konnte sie bei 114 Patientinnen eine Ansprechrate von 83 Prozent erreichen, wenn eine Standard-Radiotherapie mit einer Hyperthermie-Therapie kombiniert wurde. Ohne Hyperthermie lag die Ansprechrate bei 57 Prozent.

Das Gesamtüberleben bei zusätzlicher Verwendung von Hyperthermie war statistisch signifikant besser als in der Kontrollgruppe. So lebten nach drei Jahren in der Hyperthermie-Gruppe noch 51 Prozent, in der Kontrollgruppe 27 Prozent. Allerdings handelt es sich um eine Subgruppenanalyse. Bei den ebenfalls an der Studie beteiligten Patienten mit Rektum- und Blasenkarzinom fielen die Vorteile weniger deutlich aus.

Trotz der Erfolge hat sich die Hyperthermie in Deutschland bisher nicht durchgesetzt. In anderen Ländern ist das anders, so Professor Peter Wust. Beispiel Niederlande: "Bei uns ist das Verfahren bei Tumoren wie fortgeschrittenem Zervixkarzinom Teil der Regelversorgung", sagte van der Zee. Um die Hyperthermie für weitere Patientengruppen zu erschließen, laufen weitere Studien, unter anderen bei Patienten mit Weichteilsarkomen und mit rezidivierenden Rektumkarzinomen.

Neue Gerätegeneration für Tumoren im Körperstamm

Auch die Technik wird weiterentwickelt: Die neue Gerätegeneration ist mit drei Ringen mit elliptischem Querschnitt ausgestattet. Dadurch können Tumoren im Bereich des Körperstamms besser erreicht werden, so Dr. Gerhard Sennewald von der dr. sennewald medizintechnik GmbH. Mit der neuen Methode laufen Studien etwa bei Pankreaskarzinom und bei Peritonealkarzinose.

Kritisch bei tiefer im Körper gelegenen Läsionen ist stets die Frage, wie verhindert werden kann, daß sich gesundes Gewebe über Gebühr erhitzt. Außer einer Verbesserung der Hitzequellen kann auch eine Verbesserung des Temperaturmonitorings dabei helfen. Das geschieht bei modernen Hyperthermie-Anlagen durch Benutzung eines Magnetresonanztomographen. Das MRT, bei dem verschiedene Meßparameter temperaturabhängig sind, läßt Rückschlüsse über die Entwicklung der Temperatur im Gewebe zu. Das ermöglicht es, die Therapieeffekte bei den Patienten präzise zu überwachen, ohne daß sie mit invasiven Thermometersonden traktiert werden müßten, so Wust.

STICHWORT

Abrechnung bei Hyperthermie

Die ambulante Therapie mit Hyperthermie wird von der Gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland derzeit nicht bezahlt. Nach Angaben von Professor Peter Wust von der Charité in Berlin ist eine Bezahlung der Therapie durch die GKV bei Patienten in Studien möglich, wenn die Behandlung an stationären Zentren erfolgt, die sich auf die Methode spezialisiert haben.

In anderen Ländern ist das anders: In den Niederlanden zum Beispiel ist die Hyperthermie unter anderen bei Patientinnen mit fortgeschrittenem Zervixkarzinom Teil der Regelversorgung. (gvg)

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