Ärzte Zeitung, 30.01.2008

Verhütung bei Immunsuppression empfohlen

Risiken für Spontanaborte, Frühgeburten und Fehlbildungen / Neue Daten aus einem US-amerikanischen Transplantationsregister

SAN FRANCISCO (nsi). Vor einer Transplantation muss sicher sein, dass eine Organempfängerin nicht schwanger ist. Denn vor allem in der Anfangsphase der immunsuppressiven Therapie kann das Leben von Mutter und Kind gefährdet sein.

Nur 0,3 bis 1,4 Prozent der Frauen im reproduktionsfähigen Alter werden während der Dialyse schwanger, obwohl die meisten Frauen nicht verhüten. Erhalten sie eine neue Niere, kehrt die Fertilität mit normalen Ovulationszyklen meist innerhalb weniger Monate zurück. "Vor allem jüngere Frauen wünschen sich dann oft ein Kind", berichtete Professor Dianne McKay vom Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien bei einer Nephrologie-Tagung in San Francisco.

Kommen Frauen auf die Warteliste, sollten sie mit einer effektiven Kontrazeption beginnen. "Am besten eignet sich jene Methode, mit der die Frau schon in der Vergangenheit sicher verhütet hat", sagte McKay. Intrauterinpessare seien aber nicht zu empfehlen, da sie ein intaktes Immunsystem erfordern. Aus Daten US-amerikanischer und EU-Register geht nach Angaben von McKay eine Schwangerschaftsabbruchrate unter Immunsuppression von 11 bis 22 Prozent hervor. Die Rate der Frühgeburten - vor der 37. SSW - liege zwischen 51 und 55 Prozent, die Häufigkeit einer während der Schwangerschaft auftretenden Hypertonie zwischen 28 und 72 Prozent.

Pessare zur Verhütung sollten Patientinnen nicht anwenden.

Neue Daten zu Risiken für Spontanaborte, Frühgeburten, Fehlbildungen und Entwicklungsverzögerung gibt es bei einer Basisimmunsuppression mit Mycophenolat Mofetil (MMF) und Sirolimus, wie McKay berichtete. Bisher wurde das Teratogenitätsrisiko für den Antimetaboliten MMF von der US-Behörde FDA in der Kategorie C geführt: Für Medikamente dieser Kategorie kann ein Teratogenitätsrisiko nicht ausgeschlossen werden. Deshalb gab es bereits allgemeine Warnhinweise in den Fachinformationen.

Jetzt hat die FDA das Medikament hochgestuft in die Kategorie D: Arzneimittel, für die es Hinweise für eine Teratogenität bei der Anwendung bei Patienten gibt. Deshalb wurden vor kurzem für MMF die Sicherheitshinweise verschärft.

Hintergrund sind neue Daten aus dem US-National Transplantation Pregnancy Registry (NTPR). Diesen Daten zufolge sind bei 24 Frauen, die mit MMF behandelt worden war, 33 Schwangerschaften bekannt geworden. Bei 15 dieser Schwangerschaften kam es zum Spontanabort (45 Prozent), 18 Kinder kamen lebend zur Welt. Von diesen hatten vier Kinder Fehlbildungen (22 Prozent), vor allem im Kopfbereich (Mikrotie, Lippen-Gaumen-Spalte) und an den Fingern.

Zwischen 1995 und 2007 sind Postmarketing-Daten von 77 Frauen erhoben worden, die während systemischer MMF-Therapie schwanger geworden sind, heißt es in der überarbeiteten Fachinformation von MMF für den US-Markt weiter. 25 Feten gingen während der Schwangerschaften verloren, 14 Kinder waren fehlgebildet, davon sechs im Kopfbereich. Diese Daten erlaubten allerdings keine Rückschlüsse auf die statistische Häufigkeit von Komplikationen während der Schwangerschaft unter MMF-Therapie, da sie auf freiwilligen Berichten basierten, so die neue Fachinformation in den USA.

Warnhinweise gibt es auch in Deutschland

Auch in Deutschland sind die Warnhinweise in den Fachinformationen für MMF verändert worden. Die Änderungen erfolgen in Abstimmung mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Bei stabiler Transplantatfunktion für mindestens sechs, besser aber 12 bis 24 Monate ist nach Einschätzung von McKay bei Berücksichtigung möglicher individueller Risiken eine Schwangerschaft für viele Frauen vertretbar. Dabei sollte MMF durch Azathioprin ersetzt werden. Die Dosis der Steroide sollte möglichst niedrig sein und 20 mg Prednisolon-Äquivalente in 24 Stunden nicht überschreiten.

Für Sirolimus liegen zwar weniger Daten vor; diese weisen aber auf ein erhöhtes Risiko für Spontanaborte hin (vier von sieben Schwangerschaften) (Transplantation 82, 2006, 1698). Auch Sirolimus sollte bei schwangeren Transplantatempfängerinnen vermieden werden, riet McKay. Sechs Wochen vor einer möglichen Konzeption sollten jene Substanzen abgesetzt werden, von denen eine erhöhte Teratogenität beim Menschen nun bekannt sei.

STICHWORT

Schwangerschaften

Schwangerschaften nach Organtransplantation sind häufig. Etwa 20 000 Schwangerschaften sind inzwischen allein in wissenschaftlichen Publikationen dokumentiert, sagt Professor Dianne McKay vom Scripps Research Institute in La Jolla. Die Verläufe von ungefähr 2200 Schwangerschaften unter verschiedenen Therapie-Regimes sind im US-amerikanischen National Transplantation Pregnancy Registry (NTPR), im European Dialysis and Transplant Association-Register und im britischen United Kingdom Registry festgehalten. (nsi)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hohes Sterberisiko bei Ausbruch in der Adoleszenz

Wenn sich Typ-1-Diabetes in einem besonders vulnerablen Alter manifestiert, brauchen Betroffene viel Aufmerksamkeit. Sie haben ein hohes Risiko, an Komplikationen zu sterben. mehr »

100 Prozent Zustimmung

Die KBV-Vertreterversammlung präsentiert sich in neuer Einigkeit und richtet die Speere – wieder – nach außen. Klare Kante gegenüber dem Gesetzgeber und den Krankenhäusern. "Wir sind auf Kurs", meldete KBV-Chef Gassen. mehr »

Herz-Kreislauf-Risiko von Anfang an im Blick behalten!

Bei RA-Patienten sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die wichtigste Todesursache. Die aktuellen Therapiealgorithmen zielen nicht zuletzt darauf ab, die Steroidexposition zu begrenzen. mehr »