Ärzte Zeitung online, 02.08.2011

Zwei Jahre Rauchverbot: Erfolg und Misserfolg

Wachsende Akzeptanz, aber Mängel bei der Umsetzung: Diese Bilanz ziehen die Frontkämpfer der Anti-Rauch-Gesetzgebung in Deutschland. Und sie können das auch mit Daten untermauern.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Zwei Jahre Anti-Rauch-Gesetze: Erfolg und Misserfolg

Bayerische Kneipe mit deutlichem Hinweis: Hier bleibt die Kippe aus.

© dpa

Wohl kein anderer Name ist in Deutschland so stark mit dem Kampf für Gesetze zum Schutz vor Passivrauch verknüpft wie der von Dr. Martina Pötschke-Langer.

"Wenn ich meinen Namen bei Google eingebe, finde ich in Foren massenweise Beschimpfungen und Schmähungen", sagt die Expertin vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Und sie kann dabei sogar lachen.

In Heidelberg hat Pötschke-Langer jetzt Daten dazu vorgelegt, wie sich die Situation in Deutschland nach Einführung der insgesamt 17 Gesetze zum Schutz vor Passivrauch entwickelt hat.

Die Daten basieren auf Umfragen und Feldstudien, bei denen Wissenschaftler sich mit Feinstaubmessgeräten in Cafés, Bars und Restaurants begeben haben.

76 Prozent sind für Gesetze zum Schutz vor Passivrauch

Eine Erkenntnis der vergangenen Jahre lautet, dass die Bevölkerung mitzieht: "Die Akzeptanz der Anti-Rauch-Gesetze nimmt immer mehr zu", so Pötschke-Langer.

Waren im Jahr 2005 nur rund die Hälfte der Bundesbürger für Gesetze zum Schutz vor Passivrauch, so stieg diese Quote bis 2007 auf 67 Prozent. Nach Einführung der Gesetze in den Jahren 2007 und 2008 ging es weiter nach oben: Mittlerweile sind wir bei 76 Prozent", so Pötschke-Langer.

Dieser Anstieg ist vor allem den Rauchern zu verdanken. Bei den Nichtrauchern lag die Zustimmung schon 2007 bei 93 Prozent und stieg seither nur wenig an.

Bei den Gelegenheitsrauchern sprang die Quote im selben Zeitraum von 53 Prozent auf 69 Prozent in die Höhe. Ähnlich bei den regelmäßigen Rauchern, von denen heute 40 Prozent die Gesetze befürworten. 2007 waren es nur 26 Prozent.

Bei der praktischen Umsetzung hapert‘s noch

Diesen sozialen Wandel betrachtet Pötschke-Langer als vielleicht größten Erfolg der letzten Jahre. Ohne ihn wäre eine dauerhafte Umsetzung rauchfreier öffentlicher Einrichtungen und Gastronomien kaum denkbar. Wenn es an die praktische Umsetzung geht, ist die Situation in Deutschland freilich weiterhin durchwachsen.

"Weitgehend rauchfrei sind derzeit nur Bayern und das Saarland", so die Expertin. Überall sonst gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen Ausnahmeregelungen, etwa indem Raucherräume erlaubt oder Kleinstgastronomien von der Regelung ausgenommen werden.

Die Folge der Ausnahmen für die Luftqualität konnte schon im Jahr 2009 demonstriert werden. In einer Studie, die deutschlandweit in 100 Einrichtungen Daten der Jahre 2005 und 2009 verglich, zeigte sich eine jeweils rund 90-prozentige Verringerung der Feinstaubbelastung in Cafés, Restaurants und Diskotheken.

Im Gegenzug zeigte sich aber nur eine 66-prozentige Verringerung in Bars und Pubs. Das spiegelt den vergleichsweise hohen Anteil nicht rauchfreier Einrichtungen in diesem Gastronomiesegment wider.

Ernüchternde Daten aus Nordrhein-Westfalen

Eine neue Untersuchung aus Nordrhein-Westfalen zeigt jetzt, dass das dortige, relativ lasche Anti-Rauch-Gesetz in der Praxis oft ignoriert wird. In Nordrhein-Westfalen können Gastronomien mit mehreren Räumen separate Raucher und Nichtraucherräume einrichten.

In Einraumgastronomien bis 75 Quadratmeter darf geraucht werden, sofern ein Schild unter 18-jährigen den Eintritt verbietet und kein Essen angeboten wird.

Für die Erhebung wurden 2000 Gastronomien in 15 Städten besucht, etwa sieben Prozent aller gastronomischen Einrichtungen in diesem Bundesland.

Das Ergebnis sei etwas ernüchternd gewesen, so Pötschke-Langer. 85 Prozent der Cafés und 77 Prozent der Restaurants, aber nur 15 Prozent der Bars und Pubs sind rauchfrei. Nur acht Prozent der Betreiber von Einrichtungen, in denen das Rauchen erlaubt war, halten sich an das Gesetz.

Der Kampf ist noch nicht zu Ende

Bei 60 Prozent der Einraumbars, in denen Rauchen erlaubt ist, fehlt das Schild für unter 18-jährige. Mehr als die Hälfte dieser Einrichtungen bietet Essen an. Fast jede dritte hat mehr als einen Raum. Und jede siebte ist größer als die erlaubten 75 Quadratmeter.

Zwischen Raucher- und Nichtraucherräumen ist bei 44 Prozent der Einrichtungen entweder keine Tür oder die Tür war zum Besuchszeitpunkt offen.

Der Kampf ist also noch nicht zu Ende. Pötschke-Langer bleibt überzeugt, dass es in Deutschland eine einheitliche und angemessen strenge Anti-Rauch-Gesetzgebung geben müsste. Auch an anderen Fronten wird weitergearbeitet.

Gerade wurde beispielsweise ein Informationsblatt über das rauchfreie Tabakprodukt Snus erstellt, um die Politik zu informieren: "Snus ist in Europa derzeit verboten, und das soll auch so bleiben."

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