Ärzte Zeitung, 18.03.2004

Elektrische Störfeuer lindern Krämpfe und Ängste

Tiefenhirnstimulation wird zunehmend auch bei Dystonien und MS angewandt / Erste Studie mit Vagusnerv-Stimulation bei Zwangsstörungen

Von Andrea Barthélémy

HAMBURG (dpa). Acht Stunden lang liegt der 46jährige Mann auf dem Operationstisch. Sein rasierter Kopf ist in einer Art Schraubzwinge justiert, darüber wölbt sich im Halbrund ein spezielles Röntgengerät. Der Patient ist lokal betäubt, aber bei vollem Bewußtsein, als ihm der Arzt zwei kleine Löcher in die Schädeldecke bohrt und dann millimetergenau zwei winzige Elektroden weit ins Gehirn schiebt.

Deren Ziel liegt im Globus pallidus, einem wichtigen Teil der Bewegungssteuerung. Doch dort wird die Bewegung bei dem Mann seit Jahren nicht mehr richtig gesteuert: Er leidet an unwillkürlichen Muskelkrämpfen der linken Körperhälfte. Eine Tiefenhirnstimulation (THS) mit einer Art Hirnschrittmacher kann zumindest bei einem Teil der Betroffenen solche Dystonien lindern.

THS ist eine Option, wenn Arzneitherapie nicht genügt

"Das Einsatzspektrum für Hirnschrittmacher hat sich mittlerweile stark verbreitert", berichtet der Neurologe Dr. Andreas Kupsch, der an der Berliner Charité das Verfahren seit Jahren anwendet. Nicht nur Dystonie-Erkrankten, vor allem auch Menschen mit Morbus Parkinson oder mit Multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium kann mit Medikamenten allein oft nicht mehr geholfen werden - dann ist die THS eine Alternative.

Verbunden mit einem Impulsgeber, der in der Bauchhöhle implantiert wird, setzt bei der Methode ein Gerät feine Stromsignale in den betroffenen Hirnregionen frei und blockieren auf diese Art überaktive Nervenzellen, die zu Tremor oder Muskelkrämpfen führen. Allein in Deutschland wurden bislang etwa 500 solche Operationen vorgenommen. Der weitaus größte Teil davon in Köln, wo Professor Volker Sturm den bundesweit einzigen Lehrstuhl für Stereotaxie innehat.

Routine ist dieser Eingriff damit noch lange nicht. Denn nicht alle Patienten kommen für die Operation in Frage. "Doch ist die Indikation einmal sicher gestellt, liegt die Erfolgsquote bei 90 Prozent", sagt Sturm. Der Neurochirurg schätzt, daß mindestens zehn Prozent der 240 000 Parkinson-Kranken in Deutschland von einem solchen Eingriff profitieren könnten.

Vagusnerv-Stimulation lindert Krämpfe bei Epilepsie

Wesentlich verbreiteter ist bereits die Vagusnerv-Stimulation bei Epilepsie-Kranken. Sie wird seit Jahren an der Bonner Universitätsklinik gemacht. Hierbei werden die Elektroden nicht direkt in das Gehirn geschoben, sondern setzen an dem seitlich am Hals herablaufenden Vagusnerv an. "Wir erreichen damit bei 40 bis 50 Prozent dieser Patienten eine Anfallreduzierung um mindestens die Hälfte", so Dr. Christian Hoppe von der Klinik für Epileptologie.

Allerdings sei hier ebenfalls wie bei den Hirnschrittmachern klar: "Jede medikamentöse Alternative muß ausgereizt und der Leidensdruck der Betroffenen sehr hoch sein, bevor sie sich einer solchen Operation unterziehen." Denn in beiden Fällen kann es nach dem Eingriff viele Monate dauern, bis sich die Erfolge einstellen: Vorsichtig müssen zunächst die passenden Strompulsfrequenzen zwischen 130 und 185 Hertz herausgefunden werden.

Das könnte auch die Achillesferse einer Studie sein, mit der Sturm an der Uniklinik in Köln zurzeit die Tür zu weiteren Behandlungsfeldern aufstoßen will: Erstmals wird darin die Wirksamkeit der Tiefenhirnstimulation bei psychischen Erkrankungen wie Zwangs- und Angststörungen in einer Doppelblindstudie untersucht. "Die ersten Testoperationen der vergangenen Jahre lassen eine gute Prognose zu", sagte Sturm.

Sechs Monate nach der Implantation soll bei 20 Teilnehmern mit Zwangs- und Angststörungen, die zunächst weiterhin medikamentös und psychotherapeutisch behandelt werden, der Erfolg des Eingriffs überprüft werden. "Wir hoffen, daß die Phase der Stimulation dann lange genug gedauert hat und die richtige Frequenz gefunden wurde", sagte Sturm.

Ist die Vagusnerv-Stimulation in dieser Studie erfolgreich, so könnten möglicherweise auch Menschen mit Depressionen auf Hilfe durch Schrittmacher hoffen. Die Methode hat sich auch nach Angaben der Universität Bonn in ersten Studien mit Depressiven bereits bewährt. Ein Problem der neuen Verfahren sind allerdings die Kosten, wie Kupsch betonte: "Die Krankenkassen übernehmen die Kosten in Höhe von 15 000 Euro pro Implantat bislang nicht."

Weitere Informationen zur Therapie mit Hirnschrittmachern und zur Vagusnerv-Stimulation gibt es im Internet unter der Adresse www.medizin.uni-koeln.de/kliniken/stereotaxie

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