Mittwoch, 8. Februar 2012
Ärzte Zeitung online, 27.11.2009

Transsexualität - Gefangen im falschen Körper

MÜNCHEN (dpa). Ein Mann, der ein Kind bekommt - der Fall eines transsexuellen US-Amerikaners schaffte es im vergangenen Jahr auf viele Titelblätter. "So etwas wäre in Deutschland undenkbar", sagt dazu Jürgen Schaff, Leiter des Plastic Surgery Center Munich. Wenn hier eine Frau als Mann gelten wolle, müsse sie "dauerhafte Unfruchtbarkeit" nachweisen, sich also die Gebärmutter entfernen lassen.

Das ist nur einer der Fallstricke auf dem steinigen Weg zum anderen Geschlecht - und doch werden in Deutschland immer mehr Geschlechtsumwandlungen vorgenommen. Bei dem Kongress "Plastische Chirurgie bei Transsexualität" des Rotkreuzklinikums München beraten am 27. und 28. November Experten über chirurgische Standards für die schwierige Umwandlung von Frau zu Mann.

"Früher haben Transsexuelle versteckt gelebt und sind psychische Krüppel geworden", beschreibt Schaff die schwierige Situation der Menschen, die sich im falschen Körper gefangen fühlen. "Eine Krankheit, mit der Menschen auf die Welt kommen", sei die Transsexualität, die auch als "Störung der Geschlechtsidentität" bezeichnet wird. Wird sie nicht früh genug erkannt, kommt es mit dem Einsetzen der Pubertät zu heftigen Problemen. "70 Prozent der nichtdiagnostizierten Transsexuellen verstümmeln sich selbst, viele gehen bis zum Selbstmord", sagt der Chirurg, der mit bisher mehr als 4000 Eingriffen als Experte auf dem Gebiet der Geschlechtsumwandlung gilt.

Allein 2008 führte er 300 Operationen durch. Aus allen gesellschaftlichen Schichten und aus ganz Europa kommen Patienten zu ihm, die nicht mehr Frau oder Mann sein wollen. Wenn sie endlich auf Schaffs OP-Tisch landen, haben sie schon vieles hinter sich: Psychologische Gutachten, die feststellen müssen, dass nicht Schizophrenie die Ursache für ihren Wunsch nach einem Geschlechtertausch ist. Einen sechsmonatigen Alltagstest, in dem sie mit Hormonen behandelt werden und in der neuen Geschlechterrolle leben müssen. Einen Antrag auf Vornamensänderung beim Amtsrichter. Schließlich die Entfernung von Hoden oder Gebärmutter bis hin zur "Umwandlung der weiblichen Geschlechtsorgane in Form eines funktionstüchtigen Penoids" oder die "Konstruktion einer sensiblen Scheide aus der Penishaut", wie es in der Chirurgensprache heißt.

Bis es zu einer Operation kommt, vergehen mindestens zwei Jahre. Fast alle Frauen, die danach als Männer leben, führen nach den Worten des plastischen Chirurgen Eckart Buttler ein ganz normales Alltagsleben. Männer, die sich zu Frauen umoperieren lassen, seien allein von ihrem Äußeren her stigmatisierter. Bei ihnen bewirke aber etwa eine Verkleinerung der Nase Erstaunliches, sagte Buttler.

"Bei 60 bis 70 Prozent der Operierten bleibt sogar die Orgasmusfähigkeit erhalten", schätzt Wolfgang Eiermann, Chefarzt am Rotkreuzklinikum München. "Primär haben sie aber ein Problem, einen Partner zu finden", schränkt er ein. Eiermann hofft, dass Transsexualität in Deutschland bald genauso akzeptiert wird wie etwa in Thailand. Von der Titelseite der "Bangkok Post" sprang ihm kürzlich eine Anzeige ins Auge, in der ein Kollege für Geschlechtsumwandlungen warb.

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