Ärzte Zeitung online, 22.02.2012

Forscher: Religion kann in Psychiatrie helfen

MÜNSTER (dpa). Seelische Probleme haben nach Ansicht von Wissenschaftlern häufig ihre Wurzeln in religiösen Vorstellungen der Patienten.

"Die Vorstellung von Besessenheit oder einem strafenden Gott sind in der deutschen Psychiatrie keine seltenen Phänomene", sagte der Ethnologe Arne Steinforth von der Universität Münster der Nachrichtenagentur dpa.

"Viele Menschen verstehen eine psychische Erkrankung nicht gemäß schulmedizinischen Parametern, sondern in einem religiösen Kontext." Religiöse Vorstellungen könnten eine "Blaupause für alternative Therapieansätze" sein, sagte Steinforth.

Am Institut für Ethnologie in Münster begann dazu am Mittwoch eine Tagung von Psychiatern, Ethnologen und Psychologen.

Religiöse Konzepte des Patienten wahrnehmen

"Es geht uns darum, dass religiöse Konzepte des Patienten stärker wahrgenommen und ernst genommen werden sollten, auch wenn sie nicht in das rationale Weltbild des Arztes passen", erläuterte der Ethnologe die Stoßrichtung der Tagung "International Conference on Religion, Healing and Psychiatry".

Ethnologin Helene Basu sagte: "Es scheint so, dass viele Psychiater Religiosität für eine Privatsache halten und in der Behandlung gar nicht darauf eingehen."

Jedoch gebe es wissenschaftliche Studien, die belegten, dass der religiöse Glaube eines Patienten zum Erfolg einer psychiatrischen Therapie beitragen könne, erklärte Basu.

Steinforth sprach sich dafür aus, "die lange gehegte und strikte Trennung zwischen wissenschaftlich-säkularer Medizin und religiösen Modellen leichter überbrückbar zu machen".

[23.02.2012, 14:44:31]
Dr. Horst Grünwoldt 
Seelenheil
Der feste Glauben an etwas Gutes kann bekanntlich "Berge versetzen". Religiös Gläubige, die sich an etwas noch Größerem und Besseren -als dem ambivalenten Menschlichen, -in Hoffnungs- wie in Verzweiflungs-Situationen-, psychologisch ausrichten können, sind vermutlich auch "seelisch" stabiler und bedürfen wahrscheinlich weniger oft im Leben des Psychiaters.
Das scheint mir besonders am Menschenbild von Priestern deutlich zu werden, weil z.B. der Katholik u.a. die (rituelle und psychologische) Möglichkeit hat, sich bei der Beichte in unabhängiger Zeugenschaft von seinen (Seelen-) Qualen jedesmal wieder zu befreien.
Im Ambiente eines professionellen Psycho-Therapeuten scheint mir das weniger gut möglich zu sein.
Das wird wohl "final" besonders deutlich an der Sterbebegleitung.

Bei dem Thema Religion vs. Psyche denke ich zu allererst an die tiefe Menschlichkeit unseres großartigen Papstes Benedikt XVI., und zwar sowohl in geistlicher wie auch in geistiger Verfassung!
Schließlich trennt er in seinen wunderbaren Bekenntnissen den Glauben niemals von der Vernunft ab.
Und als geläuterter Naturwissenschaftler würde ich heute überhaupt nicht mehr einen Streit über Evolution und Genesis entfachen, weil die biblische Fassung ja nur die Urschleim-Geschichte im Zeitraffer ist, aber viel schöner erzählt wurde.
Auch als (z.Z.) Konfessionsloser bin ich mir sicher:
Religion und ihre kultischen Handlungen - c´est bon pour le morale!
(solange durch seine Institutionen nicht der Dschihad oder Kreuzzug erklärt wird)
Es war für mich selbst als E-Helfer und "ausgetretener" Evangelischer vor dreißig jahren im tropischen Westafrika eine tolle Erfahrung, die Vereinbarkeit von Natur- mit der christlichen Religion zu erleben. Besonders der Glaube an die Ahnen hat mich sehr beeindruckt.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock
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[22.02.2012, 21:17:39]
Ingo-Wolf Kittel 
Soll in der Psychiatrie das Rad der Geschichte zurückgedreht werden?
Die Wurzel religiösen Denkens war mal das unreflektierte Erleben von eigenen Vorstellungen in Form von Erinnerungen und assoziative Abwandlungen davon. Das hat der verstorbene Princeton-Psychologe Julian Jaynes in seinem Klassiker "The Origin of Consciousness..." plausibel gemacht. Es handelt sich dabei um eine Erlebnisweise, die selbstbewusste und kontrolliert denkende Menschen nur aus Träumen im Schlaf kennen und selbst religös-gläubige Menschen allenfalls aus äußerst seltenen Spontantrancen oder induzierten hypnagogen Bewusstseinszuständen. (Solche werden - bevorzugt in der paramedizinischen Szene - zB. in Hypnosesitzungen provoziert, die als "Rückführungen" in frühere Leben bezeichnet und "verkauft" werden.)
Faktisch sind religiöse "Konzepte" für so gut wie alle Menschen von anderen übernommene Glaubensvorstellungen, Phantasieprodukte also mit entsprechend mehr oder weniger phantastischen Inhalten. Wer an eigene Vorstellungen "glaubt", ist in einer Weise beeinflussbar, die in Therapien große Vorsicht und Behutsamkeit erfordert. Derartige Besonderheiten zu berücksichtigen hat mit persönlichen Überzeugungen so wenig zu tun wie mit der Wissenschaftlichkeit der Medizin oder der Rationalität logischen Denkens.
Der Ankündigungstext zu der Veranstaltung lässt Zweifel daran aufkommen, dass die Veranstalter die Eigenheiten (insb. psycho)therapeutischen Arbeitens genügend kennen. Ethnologische Kenntnisse sind dafür sicher nicht die besten Voraussetzungen... zum Beitrag »

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